| Manifest vom 6.4.
Ich bekenne
Ich bekenne:
Ich liebe die Poesie
Ja!
In guten wie in schlechten Tagen
Bis hinein in die andere Zeit
Bin ausdauernd
Wie ein Mauersegler
Unbeirrbar
Den Himmel vor Augen
Ja!
Denn ich glaube an sie:
An die Schriften
Der Dichter und
Philosophen
Bin eine Widerspenstige
Und entschlossen
Bin ziemlich zäh
Und gierig auf alles
Was uns vermehrt:
Der Dichtung Geist
Und
Der Geschichten Melodie
Bleibe hartnäckig
Eine Trotzige
Und fest überzeugt:
Dass nur sie
Uns erlösen wird!
Alle Liebe wär'doch leer
Ohne die Legende vom Happy end
Aller Glaube
Nichts
Ohne die Erfindung von Gott
Stumm jede Idee
Ohne die Stimme der Literatur
Kümmerlich
Wär' der Alltag
Nur beschränktes Tun
Sich beugen der Praxis
Wie ein Chamäleon
Dem Machbaren folgen
Wie ein Opferlamm:
Dressierter Dauerlauf
Hinter Animateuren
Platt, roh und blind
Wär' alles nur
Eine Brut von Jasagern
Ohne Fragen
Und Eigenschaften
Überflüssig wie Staub
Ohne Sinn
Und Besonderheit
Wär' da nicht
Die Urwelt
Alles Möglichen
Das innere Auge
Der Phantasie
Die freie Sicht
Ins Unwegsame
Durchs Gestrüpp
Der Hieroglyphen
Wäre da nicht
Das Licht der Poesie
Erst die Magie
Ihrer Hinterwelten
Ihr Doppelblick
Aus hier und dort
Versöhnt das Gestern
Mit dem Heute
Die Träume
Mit der Notwendigkeit
Sie ist die Straße ins Grenzenlose
Planet aller Kopfgeburten
Öffnet Fenster ins Unsichtbare
Gibt Asyl jedem Suchenden
Sie ist der Schlüssel
In mein Zuhause
Zwischen Schädeldecke
Fleisch und Haut
Sie ist mir Liebster
Lehrer
Bodyguard und Gouvernante
Arzt und Therapeut
Sie hält mich im Dunkeln
Führt mich bei Trauer
kennt meine Kraft
und mein Versagen
Weiß wie Frieden
Machbar wäre
Und dass Hunger
Vermeidbar ist
Mit lyrischer Hellsicht
Und weisen Dramen
Beschützt sie
Vor Verfall
Und Depression
Ich bekenne
Ich bin ihr treu ergeben
Leidenschaftlich sogar
Mit ganzer Seele
Allzeit bereit
Den Bühnengeschöpfen
Mehr
Als ich es jemals war
Irgendeinem
Wirklichen Wesen
R.D.
Mein
Problem
Man fragt mich immerzu nach
meiner Heimat,
aber 'Heimat'
ist nicht mein Problem.
Meine Heimat sind die Tage,
an denen ich atme,
sehe und Worte finde,
fassen und laufen kann.
Ich habe ein Asyl bei Gott,
auf Lebenszeit!
So lautet der Vertrag.
Sie sehen,
'Heimat' ist nicht mein Problem
Mein Problem ist:
Ich habe kein ZUHAUS,
nicht die Sicherheit,
eine Lücke auszufüllen,
d a z u g e h ö r e n,
so selbstverständlich
wie die Wurzel an den Baum
oder das linke zum rechten Bein,
daran fehlt es mir,
an Verbündeten und Vertrauen,
eben an einem ZUHAUS.
Das ist kein Wohnsitz,
mit Klingel und Namensschild,
kein Mauerwerk gegen die Kälte,
keine bezahlte Unter - kunft -
ich werde immer unterkommen,
außer mein Verstand kündigt mir -
nein, mein Problem ist nicht der Briefkasten an der Tür,
mein Problem sind die Briefe in mir.
Wem schreibe ich,
wie gut mein Kind gelungen ist?
Wem, dass ich mich um sie sorge?
Wer denkt an ihren Geburtstag,
wenn ich nicht mehr bin?
Wer weiß noch von meinen Tränen,
als ich zur Schule ging?
Es mangelt mir an V e r w a n d t e n,
an Menschen, die mir ähnlich sind,
an Menschen zu denen ich gehöre,
wie Finger an der Hand,
die mich vermissen,
wenn sie gemeinsam sind,
die mich brauchen,
wenn sie sich erinnern,
wenn sie feiern, wenn sie trauern.
Es gibt niemanden,
der mir an - gehört,
der sich mit mir teilt,
den Onkel, die Nichte,
einen Freund
oder die gemeinsame Geschichte.
Darin liegt mein Problem.
Wer stellt sich dazu,
wenn man mich abseilt
in die andere Welt,
wer lockert regelmäßig die Erde,
damit ich nicht zu schnell verwese,
wer pflanzt einen Maulbeerbaum,
redet mit meinen Resten,
wer bringt mir Musik,
die ich so liebe?
Wer vergisst die Fehler,
die falschen Nächte
und blättert stolz
in meiner Schwäche?
Wer?
Und WO?
WO - werde ich liegen
Und neben WEM?
Wissen sie,
DAS -
Das ist mein wirkliches Problem -
neben WEM?
R.D. im April 2000
für
jetzt
manchmal
Liebster,
wenn ich an dich denke,
und das Echo in deinem Namen,
schlägt die Sehnsucht Großalarm
und das Verlangen klingt wie ein Choral -
dann wirbelt gelbe Hitze in den Blick
und der Mut vergangener Jahre,
scheucht die Eulen aus meiner Brust,
und ich rutsche
haltlos aus dem Licht
U-Boot tief
in die Iris der Zeit:
immer
noch bürste ich den Sand
aus meinem Haar,
suche einen Schlafplatz für die Nacht,
und die Erinnerung
durchkämmt die Straßen von Agadir,
trinkt Tee im Bazar von Marakesch,
pflückt wilde Brombeeren
zwischen roten Felsen,
zündet Kerzen an
vor jedem Altar-
ich
wollte dich nie für immer,
Liebster,
ich wollte dich immer nur für jetzt-
nichts dauert für ewig, dachte ich,
kein Tanz und kein Gefecht,
keine Flucht und kein Glaube,
keine Nacht und keine Scham -
aber dein Echo ist eingewachsen
wie ein Mal,
wie ein lichtloses Auge,
ein schlafloses Wort,
wie nie geboren,
weil ein bißchen tot,
wie ein Vermißter ohne Grab,
ein Zwilling,
der keinen Atem braucht,
angenäht wie ein neues Organ,
das nun für immer bleibt,
für ewig und für jetzt-
vielleicht
hat das Auge der Zeit,
irgendwann einen Tag für uns,
da kein Wort mehr wehtut
und die Horizonte geöffnet sind,
wo neue Brombeerbüsche blühn,
und du und ich
auf weitgrünen Hügeln stehn-
diesen
Tag,
Liebster,
sehne ich herbei,
selbst wenn ich an jenem Tag
nicht mehr bin.
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