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RESPEKT
(1997)
Sprichworte zwischen Geburt und Tod
nach der Vorlage 'Der Prophet' von
Khalil Gibran in einer Bearbeitung von
Renan Demirkan
Ich habe schon immer das Wort RESPEKT
geliebt, weil es bis in die Seele des Men-
schen reicht. Und nicht wie Toleranz, an
der Außenhaut hängenbleibt. Im philo-
sophischen Wörterbuch steht zu Tole-
ranz: Duldsamkeit gegen Andersden-
kende. Aber eine Erklärung zu RESPEKT
gibt es da nicht. Auch in der Sprache der
Politik gibt es kein RESPEKT, wohl aber
eine Inflation an 'Toleranz'.
Dagegen wird man sofort fündig in den
Schriften der Ethiker und Theosophen,
weil sie von der Seele des Menschen
sprechen, von seiner Würde. Und dort
finden wir RESPEKT in einem Atemzug
mit 'Ehrfurcht' und 'Demut' geschrie-
ben.
In der 'Erklärung zum Weltethos' des
Parlament der Weltreligionen vom 4.
September 1993 in Chicago heißt es: Wir
verpflichten uns auf eine Kultur der Ge-
waltlosigkeit, des RESPEKTS, der Gerech-
tigkeit und des Friedens. Wir werden
keine anderen Menschen unterdrücken,
schädigen, foltern, gar töten und auf
Gewalt als Mittel zum Austrag von
Differenzen verzichten.
Toleranz ist ein Vertragsangebot zum
Waffenstillstand.
RESPEKT ist ein Versprechen für den
Frieden.
Toleranz besteht auf dem Trennenden.
RESPEKT sucht das VERBINDENDE.
Überall auf der Welt wird geliebt, ge-
haßt, kennt jeder Glück und Trauer, krie-
gen Frauen Kinder, sind die Menschen
gut und böse, müssen abeiten, müssen
geben, bauen Häuser, kaufen und ver-
kaufen, lernen und lehren, sind schön
oder häßlich, suchen Vergnügen, glau-
ben in den verschiedensten Religionen.
Und in den verschiedensten Sprachen
stellen sich immer wieder die glei-
chen Fragen und warten auf Antwor-
ten. Khalil Gibran hat das in dem 'Pro-
pheten' gesammelt und in seiner
Sprache geantwortet. Er wollte diese
Antworten als Sprichworte verstanden
wissen, für den alltäglichen Gebrauch
gedacht.
Und wir wiederum wollen einige dieser
Sprichwörter wieder in Erinnerung
rufen. Wir, das sind die vier Künste:
Sprache, Musik, Tanz und bildende
Kunst. Wir wollen das tun, zu den vier
Jahreszeiten in vier verschiedenen
Himmelsrichtungen. Und fangen mit
Frühlingsbeginn in Köln an, wollen im
Sommer nach Dresden, im Herbst nach
Hamburg, im Winter nach München.
Um diese Arbeit realisieren zu können,
brauchte es einer einjährigen Ausdauer
am FAX-Gerät und Telefonhörer. Und
natürlich brauchte es großzügige
Förderer, die bereit waren, einen Teil
der Produktion zu finanzieren.
Unser großer Dank gilt der ZEIT-Stiftung,
die die größte Summe gestiftet hat und
dem Land NRW, der Heinrich-Böll-Stif-
tung, der Stiftung Kunst und Kultur
NRW. Und für ihr besonderes Engage-
ment möchten wir uns ganz speziell bei
Herrn Scharping, Prof. Lahnstein, Herrn
Ralf Fücks und Frau Ilse Brusis bedanken.
Mitwirkende
Sprecherin
Renan Demirkan
Sprecher
Heinz W. Krückeberg
über Monitor
Prof. Dr. med. D.B. Linke,
Klinische Neuro-Physiologie,
Neuro-Chirurgische Reha.,
Universitätsklinik Bonn
Komposition
Betin Günes und das
Orchester Mondial
Film
Kamera/Schnitt
Oliver Soravia
Assistentin
Alex
Schnittassistent
Arne Ludwig
Tanz
Mary Fulkerson/Markus Grolle
Kostüme

Gebärdensprache
Brigitte Münchrath
Produktionsleitung
Helmut Sohnle
Einen ganz herzlichen Dank
für die Mitwirkung im Film
der Sippe Stelzer aus dem
Vorgebirge,
der Sippe Güvercin aus Köln,
Frau Kemper und Frau Gebhardt.
Ästhetik des Respekts
Zehn Thesen
Schaue dem anderen in die Augen! Habe einen
reinen Blick! Den bekommst du, wenn du nicht
lügst. Hast du gemerkt, daß der klare Blick die
Voraussetzung für jede Ästhetik und für Glück
ist?
Senke deine Lider! Du hast kein Recht, den
anderen zu erforschen, wenn er es nicht will.
Senke deine Lider. Auch so zeigst du Schönheit.
Blinzle nicht, sondern zwinkere mit den Augen!
Blinzeln ist das Zappen mit der Wirklichkeit.
Möchtest du ihr mit deinen Augen nicht lieber
einen Gruß schicken?
Man schaut mit dem ganzen Gesicht. Lächle
und lache auf der Straße, auch wenn keine
Fernsehkamera in der Nähe ist. Die Leute
erklären dich nicht für verrückt, wenn du lachst
und sie nicht wissen, warum. Lachen steckt an.
Respekt heißt zurückblicken. Bleib nicht
eigensinnig, wenn ein anderer dich anschaut.
Könnte sein Blick dir nicht irgend etwas
schenken?
Betrachte den anderen nicht als ob Narziß in
die Quelle blickte. Du hast mehr drauf als den
Umgang mit dem eigenen Klon.
Sieh, daß der andere sieht du wirst erfahren,
daß die Welt in ist.
Ja, der andere kann dich verletzen, aber sieh,
daß das individuelle Gehirn eine Knolle ist, die
aus einer Verletzung sprießt. Entscheide dich
für die Individualität. Meinst du nicht, daß sich
so alles in ein Feuerwerk des Glücks verwandeln
kann?
Möchtest du nicht in ein Spiel gehen, bei dem
alle Sinne im Menschen angesprochen werden?
Tu es, aber wolle damit keine Totalität
erreichen, die nicht bereit ist, jederzeit in die
Individualität zurückzufallen.
Renan Demirkan hat den Respekt in die Mitte
gerückt, denn Respekt heißt Rücksichtnahme
auf die Besonderheiten des anderen, ohne
diese bloßlegen zu wollen. Eine Ästhetik des
Respekts ist eine Ästhetik der Menschenrechte
und kann nur von uns allen gemeinsam
entwickelt werden. Machst du mit?
Prof. Dr. Detlef Linke, Bonn
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