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DIE ZEIT 1997

Renan Demirkan blickt zurück auf ihr Jahr

In der Cyber-Despotie

Ich mag grundsätzlich nicht gern zurückschaun in die weggelebte, alte Zeit, aber diesmal ist es ganz besonders grauslig und beklemmend. Und ich mag das nicht, was ich da sehe: eine Handvoll glänzender Gesichter im Spotlight, und über dem kaum erkennbaren Rest, der Mehrzahl der Menschen, verdunkelt sich der Lichtkegel zum Rand hin ins Schwarze. Ein seltsamer Film: Die Demokratie erscheint wie ein Kasino "Zum Kalten Herzen": Zutritt nur in Abendgarderobe und mit goldener credit card. Um das Roulette gierig coole Geschäftemacher und Interessenverbände. Sie vernetzen und globalisieren in einer Geschwindigkeit, daß die Kugeln glühn. Und Mann für Mann, Mensch für Mensch verschwinden sie hinter Monitoren in die Unterwelt des Internet. Aus der zweiten Reihe stiert stumm die Politik. Sie scheint paralysiert. So viele bedrohliche Worte: Wirtschaftsstandort, Lohnnebenkosten, fünf Millionen Dauerarbeitslose, leere Kassen. Und allmählich kriegt sie den Blues und summt hastig mit: globalisieren, vernetzen, zuerst der Euro, dann Europa, dann die ganze Welt. Und das Volk draußen drängelt sich um das Restlicht und kämmt sich fein, die im Schatten kriegen Angst und schlagen den, der noch ängstlicher aussieht, andere haben Hunger, kalte Füße und keine Kraft mehr.

Ich mag diese Filme nicht. Und ich kenne den Abspann: verbrannte Horizonte und Tränen zwischen den Trümmern.

Wie gesagt, ich mag nicht zurückschaun. Und immer zu Neujahr, meinem persönlich heiligsten Fest, habe ich eine Wunschliste für die neue, unberührte Zeit, und heuer steht das darauf: Ich wünsche mir ein anderes Denken, ein ganzheitliches, komplettes Sehen vom Menschen und von seinen Bedingungen, einen großen philosophischen Blick voll RESPEKT statt einer blinden Globalisierungshysterie. Die Alternative zu immer schneller kann nicht noch, noch schneller sein, zu Abhängigkeit nicht noch mehr Abhängigkeit durch noch weniger Wissen; die Alternative zur Informationsflut ist nicht überhaupt keine Informationen mehr, sondern: genauere, gründlichere, präzisere. Und das braucht Zeit. Muße. Ruhe. Kreativität. Ich bin keine Space-Amazone. Aber die Alternative zum Expansionsgrau kann nicht die völlige Automatisierung und die Tyrannei der Märkte sein, das läuft geradewegs auf die totale Vernichtung des ganzen Systems hinaus. Des demokratischen Systems. Das ist Online-Diktatur.

Wenn es zu chaotisch und unübersichtlich geworden ist, wenn sie nicht mehr wissen, was wahr ist und was falsch, ziehen sich Kinder zurück und suchen dort Schutz, wo sie sich wieder sortieren können, wo sie wieder Mittelpunkt werden können und Vertrauen finden.

Was sind denn wir? Etwas ältere Kinder bloß. Und wir werden vertröstet, belogen und auf Sozial-Deponien gekippt, dabei sollen wir uns auch noch möglichst unauffällig selbst entsorgen. Nein, so geht das nicht!

Wer im Globalisierungswahn den einzelnen aus der Mitte seines Denkens weggeklickt hat, der hat bereits bis heute sechs Millionen Arbeitsplätze vernichtet, aber morgen schon wird es das Doppelte sein. Vom Manchester-Kapitalismus zum Cyber-Despotismus, über hundert Jahre, und es leiden immer noch dieselben.

Ich wünsche mir ein Denken, das so etwas nicht zuläßt, massenweise Demütigung, Scham, sondern aus der Kreativität jedes einzelnen Menschen schöpft - aus seiner jeweils anderen kulturellen, geographischen, ethischen und ethnischen Besonderheit. Und dieser Ichheit dient.

Ich wünsche mir Begegnungen in RESPEKT voreinander, RESPEKT dessen, der die Arbeit vergibt, vor dem Können derer, die die Arbeit machen, und deren Liebe für das, was sie tun.

RESPEKT ist eine Kunst des Seins, eine Ästhetik des Verstehens und Begreifens. Es ist das Wissen voneinander, das Verbinden, das Konkrete.

Nur wer den anderen respektiert, wird ihn nicht beherrschen oder vernichten wollen, weder seine Arbeit noch seine Umwelt. RESPEKT ist oberstes Menschenrecht, ein Dach für Freiheit, Verantwortung, Solidarität, Liebe, Fürsorge, Achtung, Gleichheit und Brüderlichkeit. Und es ist der moralische Brunnen jeder demokratischen Gesellschaft.

Wenn Politik "Kunst der Staatsverwaltung" bedeutet und "Kunst" auch Wissen, Weisheit und Wissenschaft, die Urbedeutung des Wortes "Staat" Lebensweise, Würde ist, so wünsche ich unserer Demokratie weise Verwalter unserer und ihrer eigenen Würde, bevor sie endgültig als Waschsalon der weltvernetzten Milliarden mißbraucht wird und ihre humanistischen Ideale völlig ausverkauft sind.

Renan Demirkan ist ein Multitalent: Schauspielerin, Schriftstellerin, Performance-Künstlerin. Zunächst für Wirtschaftswissenschaften und Politologie an der Universität Hannover immatrikuliert, wechselte sie bald an die Schauspielschule. Nach Engagements an Bühnen in Nürnberg, Dortmund, Köln und Hamburg anvancierte sie Ende der achtziger Jahre zum Fernsehstar, spielte in der Serie "Reporter", in "Der große Bellheim", im Öko-Thriller "Das Sahara-Projekt" und in "Für immer jung". Ihre zweite Karriere begann Renan Demirkan 1991 mit dem Roman "Schwarzer Tee mit drei Stück Zucker", der das Schicksal von vier Generationen einer nach Deutschland eingewanderten türkischen Familie nachzeichnet. 1994 erschien die Erzählung "Die Frau mit Bart". Renan Demirkan wurde 1955 in Ankara geboren und kam als Siebenjährige mit ihren Eltern nach Hannover, wo ihr Vater zum Bau der U-Bahn angestellt wurde. Heute lebt sie in Bornheim bei Bonn.