Biographie
Kalender
Kontakt
Alles andere
Gute Sätze
Home





Theater Film Bücher


Ethnokultur-
ein Sommernachtstraum...

Gibt es ein interkulturelles Zusammenleben?

Vorab ein herzlicher, großer Dank an die Ministerin für Stadtentwicklung, Kultur und Sport des Landes NRW, Frau Ilse Brusis, daß sie mich und mein Anliegen so ernst genommen hat und desweiteren es uns allen hier und heute ermöglicht, zusammen zu sein. 
Ein weiterer Dank geht an meine Gesprächspartnerinnen vom Ministerium Frau Dr. Galsterer, Frau Huesmann und Frau Dr. Stoppa- Sehlbach für ihre Engagements und Herrn Sierau vom Institut für Landes- und Stadtentwicklung des Landes NRW und schließlich Filiz Arslan für ihre Ausdauer bei der Organisation.

RESPEKT voreinander - statt Rückzug voneinander! 
Ich möchte diesen, etwas plakativen Satz, versuchen mit Sinn zu füllen, in dem ich über die Begriffe, die einzelnen Worte, in der Überschrift zunächst erstmal laut nachdenke, denn Worte tragen wie Pelikane ihre Bedeutung versteckt mit sich herum und ernähren uns unbemerkt entweder falsch oder richtig. 

Ich möchte ein wenig klären, für mich, für uns alle, worüber wir da eigentlich reden und welchem Zubehör es bedarf, welchen literarischen Accessoires und welchen Requisiten der Erkenntnis, den Sinngehalt zwischen den sieben Buchstaben des kleinen Wortes RESPEKT zu füllen.

Also:
Ethno... entspringt aus dem griechischen 'ethnos', das Volk bedeutet - Ethnologie vergleichende Völkerkunde oder Volkskunde.
Ethnokultur bedeutet also: Volks- oder Völker-kultur allgemein und ist nicht nur Türken, Kurden oder anderen sogenannten Ausländern vorbehalten.
Jeder deutsche Mundart-Künstler etwa gehört auch in diesen Kreis.

Über Kultur habe ich folgendes im philosophischen Wörterbuch gefunden:
Kultur kommt vom lateinischen colere hegen und pflegen, bebauen, ausbilden, tätig verehren und ursprünglich: Bearbeitung und Pflege des Bodens lat. agricultura. Übertragen bedeutet Kultur die Pflege, Verbesserung und Veredlung der leiblich-seelisch-geistigen Anlagen und Fähigkeiten des Menschen.

Im umfassendsten Sinne ist Kultur also die Gesamtheit aller Lebensbekundungen, der Ausdruck von Leistungen und Werken eines Volkes oder einer Gruppe von Völkern. Sie ist der Inbegriff für jenen neuartigen Prozeß auf Erden, dessen Einzelprodukte nur menschliche Schöpfungen sind und niemals von der Natur hervorgebracht worden wären.

Für unseren Alltag bedeutet das: die Menschen müssen sich zu erkennen geben, wenn sie gesehen werden wollen, müssen reden, damit andere zuhören können. Und das müssen sie selbst tun, das passiert nicht einfach von Natur aus. Sie müssen den adäquaten Ausdruck ihrer leiblich-seelisch-geistigen Anlagen finden. Ohne Expression keine Impression.

Diese Tagung will doch auch eine Ermutigung zu dieser Expression sein, ein Aufruf zum sich Zeigen, zum sich Formulieren, auch eine Ermutigung zur Selbstdarstellung aller Unterschiede und Besonderheiten.

Schließlich noch:
Ein Sommernachtstraum.
Bei der Suche nach dem passenden Stichwort für die Tagung fiel mir nicht ohne Grund das Shakespeare -Lustspiel: Ein Sommernachtstraum ein.
Dazu eine kleine Inhaltsangabe wie sie bei Diogenes zu lesen ist:
'In diesem Stück, dessen verschiedene Handlungen stofflich den verschiedensten Quellen entstammen, hat Shakespeare das höfische Lustspiel, das höfische Maskenspiel... und das derbe Volksspiel... wunderbar miteinander verschmolzen...' 

Jedes Volk auf diesem Planeten ist - wie jedes Schulkind weiß - ein, aus den verschiedensten Quellen neues Ganzes geworden, ist eine neue Quelle für seine nächsten Nachkommen geworden, die wiederum anders sein werden als die vorherigen Generationen. So ist denn auch jeder einzelne Mensch in seiner individuellen Besonderheit ein besonderes Spiel, ein eigener Sommernachtstraum.

Was aber nun ist anders bei Sichtweise auf die Emigranten?
Der Emigrant sollte gebären können noch bevor er Verkehr hatte. Ihm wird abverlangt, übergangslos sich in den vorherrschenden Traum der Mehrheitsgesellschaft einzupassen. Sich zu integrieren, seine Besonderheiten abzulegen oder sie unsichtbar werden zu lassen. Er sollte möglichst sofort und gleich ein Tiefseetaucher der hiesigen Quellen werden, sich seiner bisherigen Haut- und Haarfarbe unverzüglich entledigen, und im fließenden Deutsch Goethe rezitierend zum Fahnenapell marschieren.
Und damit das nun auch wirklich schnell passiert, versuchen einige so Geforderte gleich neue Brunnenschächte auszugraben, um in dem Bild der Quelle zu bleiebn. Häufig geht die krampfhafte Anpassung bis zur Selbstverleugnung und Aufgabe traditioneller Bindungen.
Die meisten aber bauen Mauern um sich und igeln sich aus Furcht und Unsicherheit in die mitgebrachten Erinnerungen.

Ja, so ist die unendliche Geschichte der Emigration ein ewiger Schwimmversuch zwischen Herkunft und Zukunft, ein Paddeln ohne Gegenwart.

Nun zur Interpunktion, die drei Punkte am Ende des Halbsatzes sind aber trotzdem kein Signal für eine schon abgefeierte Party, sondern ein Symbol für ein sich neu entwickelndes Model: verschiedene Handlungen, verschiedenster Herkunft miteinander so in Beziehung zu setzen, daß sie sich gegenseitig inspirieren, berühren und von einander lernen, voneinander wissen - zu Verbündeten werden. 

Dann wäre da noch die Frage: Gibt es ein interkulturelles Zusammenleben?
Eine absurde Frage, als gäbe es irgendwo eine extertoriale Kulturgemeinschft? Natürlich gibt es ein Interkulturelles Zusammenleben. Was denn sonst? Leben wir nicht alle untereinander, zwischen einander?
Denn das lateinische inter heißt übersetzt: zwischen, unter.
Ich habe aber das Unbehagen, würden wir miteinander leben, würde sich diese Frage niemals stellen. Ein Miteinander gibt es aber nur unter Gleichgestellten und Gleichgesinnten. 
Selbst die Rheinländer und Westfalen leben friedllich miteinander, weil sie die gleichen Rechte haben. Die Preußen und die Bayern ebenso, wie die Brandenburger und die Sachsen.
Aber der aus Anatolien Eingewanderte gehört da nicht dazu.
Gibt es ein interkulturelles Zusammenleben? Welch eine Frage.
Es scheint, als gäbe es eine Sonder-lebens-abteilung für die neuen Ankömmlinge in einer Art inter-kultureller Karantäne. Gewissermaßen eine Intensivstation kulturloser Parias. Es klingt so wie: wer dazukommt gehört nicht dazwischen. 

[weiter]