Migration - das unbekannte Leben
von Renan Demirkan
Europe: Le Développement par la Miigration et L’Intégration
Jeudi 10 Mai 2007, de 9H30 à 17H30 – Siège de L’UNESCO :125, Avenue de Suffren, 75007 Paris *
Guten Tag und herzlichen Dank für die Einladung – hier in diesem Plenum von Goethe-Institut und UNESCO sprechen zu dürfen. Ich soll und darferzählen von einem offensichtlich unbekannten Leben – dem Leben einer Migrantin.
Deshalb will ich ihnen gleich die wichtigste Information zu meiner seelischen Grundbefindlichkeit – sprich meiner Identität - nicht vorenthalten: sie sehen und hören gerade zwei Menschen durch einen Körper reden – wie dasgeht? Ganz einfach: geboren 1955 in der Türkei und als 7 Jährige von den Eltern nach Deutschland mitgenommen.
Heute ist der 10.5.07 – d.h. ich bin immernoch eine 7 jährige Türkin aber mittlerweile eine fast 45 jährige Deutsche - denn ich werde erst im nächsten Monat 52.
Das tut nicht weh – und macht mir auch sonst eigentlich keine Probleme– wenn da nicht diese ständig irritierenden Fragen wären: wie sieht es denn mit der Loyalität aus? - welche von den beiden bist du nun wirklich? Und ich immer wieder antworten muss: ich bin beide – die Türkin und dieDeutsche – im selben Atemzug.
Und wollten sie die eine von der anderen trennen – dann würde die Patientin Renan Demirkan noch auf dem Op-Tisch sterben. Das hat aber nichts mit Integration zu tun – sondern mit Identität! Obgleich diese Koexistenz der beiden Sprachen – Religionen und Lebensformen oftmals ein Fluch war – war es aber auch immer wieder ein Segen. Der Fluch sind die bis heute ausgrenzenden Fragen: wohin gehörst du? –was ist deine Heimat? – wieso sprichst du denn so gut Deutsch? – die eigentlichnur eins ständig wiederholen: du gehörst nicht zu uns! – wer auch immer mit UNSgemeint ist.
Der Segen dagegen ist unermesslich: ich lebe die sunnyside der Bikulturalität! In Türkisch habe ich die Welt kennengelernt- in Deutsch habe ich sie begriffen. D.h. ich habe 2 Sprachen – mit denen ich in die Welt sehen kann. Dazu kommt noch eine Vielfalt der ethischen Einflüsse – so zusagen – dieGötter-WG – in der ich geistig wachsen durfte: Von meinen moslemischen Verwandten lernte ich die Liebe – von unseren christlichen Lehrern und Nachbarn – den Pragmatismus – und von den jüdischen Philosophen lernte ich verstehen.
Als Künstlerin bin ich täglich dankbar dafür und empfinde es als das größte Geschenk meiner Eltern an mich – dass sie michverpflanzt haben. Denn für michist das Anderssein meines Gegenüber noch nie eine Bedrohung gewesen – sondern eine Besonderheit – dabei so selbstverständlich wie die verschiedenen Finger an meiner Hand. Den Unterschied der Anderen habe ich immer als eine selbstverständliche Ergänzung zu meinem eigenen Teilkosmos gesehen. Vielleicht ist das sogar – neben der Liebe meiner Eltern und meines Kindes - die einzige Selbstverständlichkeit in meinem Alltag – nämlich dasANDERSSEIN als Selbstverständlichkeit!
Denn alles andere musste ich mir erarbeiten oder erkämpfen – das Dazugehören zur Zivilgesellschaft und die Annerkennung gleichwertig zu sein. Ich weiß heute – dass wir in jeder Sekunde die Summe aller unserer Erfahrungen sind – all unseres Wissens und Könnens – und auch all unserer kulturellen Wurzeln. Und manche sind eben in zwei oder drei Kulturen groß geworden – und werden dadurch auch immer in jedem Atemzug all diese mehrteiligen kulturellen Wesen sein.
Ich weiß – dass es schwer zu verstehen ist – aber es ist so! wie einsplus eins gleich zwei ist. Es liegt mir auf der Zunge in der Heimat Simone de Beauvoirs zu sagen:Der Migrant - das unbekannte Geschlecht. Und bislang ist der Zugewanderte tatsächlich noch in jedem Land das unbekannte Geschlecht. Und bleibt es oftmals bis zu seinem Lebensende.
Warum? Weil sich die Mehrheitsgesellschaften nicht wirklich für diesen neuen Mitmenschen in ihrer Mitte interessieren – obwohl er ein aktiver Mitgestalterder Gemeinschaften ist.
Er bleibt in der öffentlichen Wahrnehmung ein ‚Randphänomen’ - nicht wirklich gewollt! – geduldet und ertragen im besten Fall– kaserniert oder ghettoisiert im Regelfall.
Das ist ein einsames Leben. Mir ist es unverständlich - wie eine Gesellschaft eine derart einfache kulturelle Innovation so hartnäckig ignorieren kann. Denn Kultur ist ja genuin die Summe aller kreativen Ausdrucksformeneiner Gesellschaft – ein ewiger Prozess der sich aufbauend gestaltet– und wenn Gesellschaften die Lebensmodelle der Dazugekommenen ignorieren – werden sie statisch – blockieren und verhindern ihre eigene Entwicklung und Erweiterung. Nur totalitäre Systeme verweigern die kulturelle Weiterentwicklungihrer Gesellschaften – und ihre so genannten Leitkulturen werden zu Fesseln der einzelnen Bürger.
Deswegen ist es mir absolut unbegreiflich – warum z.B. Deutschland sich nie auf ein RESPEKTVOLLES und würdiges Einwanderungsgesetz einigen konnte und die Dazugekommenen als reine Kosten-Nutzen-Faktoren einer Wirtschaftsbilanz behandelt hat – genauer gesagt: seit fast einem halben Jahrhundert behandelt! Gerade dieses – einst von einer perversen ‚Leitkultur’ so leidlichgeprüfte und zerstörte Land.
* Ich habe vor fast 10 Jahren - 1997 – also als 35 jährige Deutsche und siebenjährige Türkin - ein Programm geschrieben und für die Bühne inszeniert –das das ästhetische Resümee meines Denkens zeigen sollte - es hieß RESPEKT! Ausgangspunkt des Stückes war das Gedicht: Wer bist du? Und das Zentrum bildeten die Grundbekenntnisse der 4 großen Hauptreligionen: das Schma israel – das Alham – das Vaterunser und das Om mani padme um. Wissen sie was faszinierend ist – sie sind SINNIDENTISCH!
Sinnidentisch meint – sie behandeln den selben Inhalt und zielen auf Dasselbe ab! Und das sind in der ESSENZ ZWEI FRAGEN: was kommt nach dem Tod?
Und: was ist der Sinn unseres Lebens? Es ist deshalb faszinierend – weil es uns in der einfachsten Form zeigt– wie ähnlich wir alle uns doch sind - trotz unterschiedlicher Sprachen - Hautfarben- Zeitzonen und Religionen –und wie wenig uns letztlich wirklich unterscheidet! Ganz konkret heißt das: wir haben Angst vor dem Tod – weil wir nicht wissen was danach kommt - und wir suchen vom ersten Atemzug bis zum letzten nach dem Sinn unseres Lebens.
Und dabei stellt sich jeder die selben Fragen – Mann - Frau – schwarz –weiß – alt - jung - in jeder Religion: wie werde ich satt – wie schaffe ich meinen Kinder ein sicheres Zuhause und wie werde ich wieder gesund – wenn ich krank war?
Wir alle brauchen den Schutz unserer Würde – brauchen Freiheit undGerechtigkeit. Und wenn wir alle uns dieser Verwandtschaften bewusst werden – gibt es keine Ausländer – Migranten – Flüchtlinge oder Asylanten! Das ist mein Traum. Mein Wollen und mein Gebet! Und die Frage nach dem: wer bist du? wird hinfällig. Auch das ‚zu unsgehören’ oder auch die Drohgebärde der Leitkultur.
Denn es geht um das LEBEN selbst. Um die große Welthand an der wir die verschiedenen Finger sind. Untrennbar aufeinander angewiesen und von einander abhängig.
Was nicht nur durch die Umweltkatastrophen – Organspenden und die Börsennachrichten zu beweisen ist. Es erklärt sich fast von selbst – warum ich das Wort ‚Integration’ im Zusammenhang der Migration nicht benutze. Denn Integration heißt übersetzt aus dem deutschen Duden und demBrockhaus: Bildung einer übergeordneten Einheit – Eingliederung in eine Einheit– Wiederherstellung eines Ganzen – Widerherstellung einer Einheit – und in einer alten Übersetzung: sich unterordnen unter das Ganze bei Aufgabe des Eigenen. Welche Einheit wird denn durch die Zugewanderten derart zerissen – dass sie durch kurzatmige Integrationspläne wiederhergestellt werden muß? Dieser Integrationsdruck ist in meinen Augen ein sittenwidriger Versuch der Zwangsnationalisierung. Und damit ein Verstoß gegen das Menschenrecht auf Unterschied und Eigenständigkeit – d. h. es ist in der Essenz ein Verstoß gegen den ersten Artikel des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar!
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