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RESPEKT    
das Exposé

Mit einer Weisheit,
die keine Tränen kennt,
mit einer Philosophie,
die nicht zu lachen versteht
und einer Größe,
die sich nicht vor Kindern verneigt,
will ich nichts zu tun haben.
Khalil Gibran

Seit Jahren suche ich nach künstlerischen Umsetzungsmöglichkeiten, die sowohl die Künste selbst vereint als auch die unterschiedlichen kulturellen sowie ethischen Rituale miteinander verbindet. Ich begreife unsere Unterschiede als unsere gegenseitige Ergänzung und unsere Chance, voneinander zu lernen und friedlich miteinander zu leben - in
RESPEKT voreinander.

Der erste Versuch war "...aber es kamen Menschen", 1981 am Nürnberger Schauspielhaus. Es ging um die hysterische Debatte 'Integration und/oder/statt Abschiebeung'. Ich hatte einen Ein-Akter geschrieben und den Komponisten Tahsin Incirci mit seiner Musikgruppe und dem Chor aus Berlin geholt. 
Die Reaktionen hatten all unsere Erwartungen übertroffen, über 30 ausverkaufte Vorstellungen, ein riesiges Presse - Echo und eine Fernsehaufzeichnung vom Bayrischen Fernsehen.

Der zweite Versuch war zwei Jahre später im Dortmunder Schauspielhaus, "WORTE - Geschichten und Lieder" hieß es, mit dem Frank Wunsch Trio, eigentlich eine Jazz-Gruppe, und mit zwei Saz-Spielern, die sonst nur Ethno-Musik machten. Der damalige Kultusminister Schwiers nannte es "...eine Brücke zwischen verschiedenen Kulturen".
Und ich dachte mir: wieso eine Brücke der Unterschiede? Verbindet eine Brücke nicht auch zwei Seiten ein und desselben Flußbettes, zwei Seiten einer Vertiefung derselben Erde? Und fließen die Flüsse nicht an ihrem Ende in e i n gemeinsames Meer? 

Was also ist die Verschiedenheit der Kulturen?

Am häufigsten taucht das Argument des anderen "ethischen Kulturkreises" auf. Der Unterschied der Religionen also macht unsere so unüberbrückbare Verschiedenheit aus. Ein Unterschied der schon Millionen Menschen in den Tod gehetzt hat.

Ich habe Vorlesungen der vergleichenden Religionswissenschaften besucht, und was ich da hörte war mir zu tendenziös, zu sehr um Vergleiche bemüht, welche der Religionen die richtigere oder bessere sei. 
Mir war das zu wenig visionär, zu wenig v e r b i n d e n d .

Während sich die Menschen in den Entwicklungsländern immer mehr in ihre Spiritualität und in ihre Rituale, das heißt, in ihre Religionen zurückziehen, verliert sich parallel, diese Art der geistigen Verbindung, zunehmend in den hochtechnisierten Industrieländern. 

Aber die Sehnsucht nach der Spiritualität selbst bleibt davon unberührt. Beleg dafür ist der enorme Zulauf der Sekten. Aber auch der ständige Versuch, die eigenen Rituale in neuem Glanz und Gloria zu vermarkten.

So sind Rituale spirituelle Disney - Welten geworden, die denen Kreativität suggeriert, die sie aus eigener Kraft nicht entwickeln können. Und die Spiritualtät ist im besten Fall ein happening in organisierten Freizeitresarvaten.

Aber Menschen brauchen Rituale. Ob im Fußballverein oder in ihrer Religionsgemeinschaft. 
Die Rituale sind das Gemeinschafts-Ich, die Vergrößerung des eigenen Ichs. Sie sind die Bestätigung ihrer Zugehörigkeit.

Und Menschen werden orientierungslos, wenn sie ihnen verlorengehen oder fühlen sich angegriffen und werden aggressiv, wenn ihre Rituale nicht respektiert werden.
Sie sind sogar bereit zu töten und selbst zu sterben.
Der Nahe Osten ist die bekannteste Bühne dieses blutigen Dramas.
Dabei ist die große monotheistische Ethik mit ihren drei Interpretationen: 
dem Judentum, dem Christentum und dem Islam -
auf ein und dem selben Boden gewachsen. Sie haben mehr Verbindendes als Trennendes.
Wer das nicht glaubt, der fahre nach Jerusalem.
Aber die Dogmatiker und Ideologen beharren auf dem Trennenden, und jeder von ihnen beansprucht die alleineige Wahrheit.
Welch ein Irrtum.
Wer auch das nicht glaubt, der fahre unbedingt nach Jerusalem.

Um so großartiger ist das leise Bemühen einiger Pfarrer und Imame im Ruhrgebiet, ihre Gemeinden füreinander zu öffnen und sich und ihre Götter gegenseitig vorzustellen.

Eine kurze biographische Notiz, was das alles mit Khalil Gibran zu tun hat.
Kaum, daß ich im Diesseits sichtbar wurde, flüsterten mir Menschen Arabisches ins Ohr und erklärten, daß der Gott, der für mich zuständig ist in Arabisch angesprochen wird. Und ich sagte Allahu ekber - Gott ist groß - wie: mein Name ist Renan. Und der arabische Gott gehörte zu mir wie meine Haarfarbe oder die Sonne über Omis Haus.
Und in die Gotteshäuser wurde man täglich fünf Mal gerufen, und die waren rund, bauchig und hell, mit weichen, bunten Teppichen. Von der Kuppel ragte eine dünne Halbmonsichel in den Himmel. Frauen und Männer saßen getrennt. Und da roch es nach Omi und Opi und den anderen, die ich kannte.
Der wichtigste Wesenszug vom Gott mit dem Halbmond war: Er beschützt mich immer, was immer ich tue, wo immer ich auch bin.

Dann - ich war 7 - kamen wir nach Deutschland. Und hier wurde Deutsch gesprochen - überall, auch mit dem Gott, der für hier zuständig ist. Und die Kinder und die Erwachsenen trugen Kreuze am Halz und gingen nur Sonntags in Häuser, die klingelten, die spitz waren und kantig und sogar wie große Kreuze in die Erde gemauert sind. Und sie rochen fremd. Männer und Frauen saßen nebeneinander. Und es war kalt. Und überall hingen Engel und überall brannten Kerzen.
Meine moslemisch glaubende Mutter sagte: "Hör ihnen gut zu. Gott ist Gott, egal unter welchem Dach." Und ich hörte zu.
Der wichtigste Wesenzug des gekreuzigten Gottes, so sagten seine Anhänger, sei: Er beschützt mich immer, was immer tue, wo immer ich auch immer hingehe.
Der auch? dachte ich mir.
Dann lernte ich Menschen kennen, die einen Stern um den Hals trugen. Ihr Sonntag war am Samstag, und sie nannten ihn Shabbat. Und sie wurden weder gerufen noch herbeigeläutet. Ihre Gotteshäuser waren eher wie größere Wohnzimmer oder kleinere Theater. Die Frauen und Männer saßen auch getrennt. Sie lasen aus dicken Büchern Jahrtausend alte, kluge Weisheiten.
Auch der Gott der Sterne hat einen ganz besonderen Wesenszug: Er beschützt mich immer, was immer ich tue, wo immer ich auch hingehe.
Wie schön! dachte ich mir, noch einer und sammelte Sterne, Kreuze und Halbmonde.

Wieder etwas später lernte ich eine Religion kennen, die von Wiedergeburt erzählt, daß der Sterbliche solange wiedergeboren wird, bis er die Vollendung erfährt - dann darf er ins Nirvana, in den Frieden. Hier bekommt der Sterbliche selbst die Chance, seine Fehler lernend wieder gutzumachen. Hier gibt es keinen e i n e n Gott, hier gibt es mehrere Lehrer, die "die Unwissenheit als das größte Hindernis der Menschheit" (Buddha) sehen. "Entzünde die Lampe der Weisheit und erblicke das Große Selbst durch dein eigenes Selbst. Hast du das Große Selbst gesehen,... so werde du Selbst-los,... und entledige dich allen Übels" (Krishna).


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