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Zur Verleihung des 1. Julius-Rumpf-Preises 
an die ev. Kirchengemeinde Joachimstal - Brandenburg für ihr Jugendmusikprojekt BAFF am 13.5.2000


Ich hatte Glück. Gestern sprach der Bundespräsident in seiner ersten Berliner Rede alles Wichtige zum Thema: Ohne Angst und ohne Träumerei, gemeinsam in Deutschland leben, hieß der brilliante Vortrag. Eigentlich bräuchte ich jetzt nur die wesentlichen Stichworte pointiert wiederzugeben und dann wärs das. Er sagte zum Beispiel in Richtung der Migranten: Lernen sie deutsch! was korrekt ist. Nur wer die Sprache beherrscht, kann sich der Mehrheitsgesellschaft gegenüber artikulieren, sich sichtbar machen. Oder: Schulen und Hochschulen sind Lernorte, nur Bildung hilft Vorurteile zu überwinden. Stimmt, das Wissen von Anderen schafft Grundlagen für Verantwortungsgefühl und Solidarität. 
Das Zusammenleben nicht dem Zufall überlassen, fuhr er fort. Bildung, Bildung und nochmal Bildung, das sei die einzige Garantie gegen die Ghettoisierung auf beiden Seiten: sowohl Hilfe bei der Überwindung von Fremdenfeindlichkeit und gleichzeitig auch eine Voraussetzung für die Integration. Und er machte auch keinen Umweg um die sehr komplizierten Religionsfragen. Wer hier dauerhaft leben will, muß seine Herkunft nicht leugnen, sagte Bundespräsident Rau und noch einen kleinen Nebensatz, der mir neben den bereits aufgezählten, noch bedeutender erscheint. Er sagte: sorgfältig mit Sprache umgehen. Und an diesem Nebensatz liegt es, daß meine Rede nun doch ein paar Minuten länger dauern wird.

Mit der Sprache sorfältig umgegehn! 
1984 machte ich mein zweites Theaterprogramm zum Migrationsthema: Worte, Geschichten und Lieder, hieß es. Wir versuchten uns dem sogenannten 'Ausländerproblem' allein über die Sprache und mit Worten der Poesie zu nähern. Wir benutzten Worte als Weg und Waffe, als friedlichste, humanste und schärfste Waffe gegen die dumpfe Unwissenheit der blökenden Rassisten, die sich damals eifrig als 'Borussenfront' und andere sogenannte 'verirrte' oder 'verwirrte' Jugendliche in der rechten Ecke sammelten.
Ich widmete mich damals den Worten Ausländer, Ausländerproblematik, Gastarbeiter, Integrationspläne, Rückzugsgelder, Zuzugsstopp, Toleranz, Fremde, Überfremdung. Das waren gängige Worte in Presse und Politik. Und sie forderten Toleranz gegenüber den Fremden. Toleranz bedeutet Duldung von Andersdenken und besteht auf dem Trennenden. Ich schmecke in diesem Begriff etwas Herrisches. Wir suchten nach dem Wort, das von Gleich zu Gleich gilt und das Verbindende meint. Ich habe schon immer das Wort Respekt geliebt, weil es bis in die Seele hineinreicht und nicht wie Toleranz an der Außenhaut klebt. Wir sprachen von Respekt vor den Besonderheiten des Anderen. 
Toleranz ist ein Vertragsangebot zum Waffenstillstand, Respekt ein Versprechen für den Frieden, sagten wir.
Aber leider konnten wir die Borussenfront nicht davon abhalten, trotzdem regelmäßig türkische Lokaltäten zu zertrümmern. Denn sie gingen ja nicht ins Theater und wir gingen nicht zu denen.

Später haben sich die Begriffe gewandelt zum freundlicheren 'ausländischen Mitbürger'. Aber die Freude hielt nicht lange, da kam die Warnung vor der 'durchrassten' Gesellschaft aus Bayern. Von der 'Parallelgesellschaft' der fanatischen Fundamentalisten, Asylantenschwemme, Wirtschaftsflüchtlinge, daß das Maß des Erträglichen erreicht sei und vieles Hetzerische mehr. 
Gleichzeitig versuchten immer mehr christlich soziale Politiker die randalierenden, rechten Jugendlichen als 'Verirrte' zu entschuldigen. Ob die nun einen Ghanesen in der Berliner U-Bahn zu Tode stampften, Brandsätze in Wohnungen Vietnamesischer Mieter schmissen oder die Häuser von türkischen Migranten in Schutt und Asche verwandelten. 'Verirrte' seien das gewesen - beschämend! 
Das infamste Wort allerdings kam aus Bonn, aus dem Mund eines Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland, der seinen Eid auf die Verfassung geleistet hat, deren erster Satz lautet: Die Würde des Menschen ist unantastbar. 

In Solingen wurden fünf türkische Frauen von Rassisten ermordet. Ihr Haus wurde angezündet während sie schliefen, und sie sind ertickt und verbrannt. Fünf Menschen verbrannten, weil sie in einem anderen Land geboren sind, weil sie ungewohnte Namen hatten, weil sie einen anderen Gott anbeteten und weil ihre Mörder solche Menschen nicht in ihrer Stadt haben wollten. Und die Demütigung machte nicht einmal vor ihren Särgen halt: 'Beileidstourismus' hieß das Wort aus Bonn. Des Kanzlers Kommentar zur Absage an der Trauerfeier lautete: er wolle keinen 'Beileidstourismus' betreiben! Wie finster muß es in einem Kopf aussehen um so etwas sagen zu können. Unbegreiflich! Unverzeihlich! Bald darauf verbrannten drei weitere Türkinnen. Wieder waren die Mörder rassistisch motiviert. Und wieder gab es keinen Aufschrei des Entsetzens.

Der Bundespräsident sagte in seiner gestrigen Rede außerdem noch einen wichtigen Satz, gefährlicher als die Einzeltäter sind die schweigenden Symphatisanten. 
Gerade war ich Gast einer Podiumsdiskussion bei der Genfer Buchmesse, einem Ort,das sich ausschließlich dem Wort widmet. "Zwischen Integration und Identität: Einwanderung und das Zusammenleben der Kulturen" war das Thema betitelt.

Wieder zwei Worte, dachte ich, die immer häufiger in Dikussionen über Migranten auftauchen. Als gäbe es da etwas zu entscheiden: willst du eine Identität, mußt du dich integrieren, was soviel heißt wie, sich unterordnen unter das Ganze, bei Aufgabe des Eigenen. Im psychologischen Handbuch steht unter 'Identität': das sozilisierte Ich oder auch das ureigene Selbst. Was ist denn der Mensch vorher gewesen, vor der Integration, und was kriegt er nachher, nach der Integration? frage ich mich. Wer gibt ihm was? Wie deffiniert sich seine Existenz in diesem Dazwischen? In dieser kulturellen Karantäne 'Zwischen Integration und Identität'?
Dann tauchte das Zauberwort von der 'multikulturelle Gesellschaft' auf. Na klar, das war einst der hilflose Versuch, sich um die Einwanderung und die Einbürgerung zu drücken, und es zieht immer noch.

Ich glaube nicht an die multikulturelle Gesellschaft. Weil sich Kulturen nicht auflösen wie Nescafé. Ich wünsche mir eine kultivierte Gesellschaft, eine wissende Gesellschaft, in der die Einzelnen die Besonderheiten des Anderen respektieren. Denn wer vom Anderen weiß, wird ihn nicht ausbeuten oder erschlagen, sagt Erich Fromm in 'Die Kunst des Liebens'.

Ich argumentierte, daß sich die Frage ob Integration oder nicht, für die Eingewanderten nicht stellt. Nach einer ziemlich kurzen Eingewöhnungszeit in die Logistik des Alltags, passiert das Einwachsen in die Gesellschaft von selbst. Subjektiv fühlen sich Migranten schon recht bald als ein Teil der Gesellschaft. Sie arbeiten, zahlen Steuern und Miete, achten die Verkehrsregeln und Gesetze, auch wenn sie dabei Kopftuch tragend durch die Kölner Innenstadt spazieren oder als Sigh mit einem Turban in der zweiten Generation in Canada für das Bürgermeisteramt kandidieren. 
Aber die Mehrheitsgesellschaft sieht in ihnen unverändert nur den Unterschied und nennt sie die Fremden. 

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