(Fortsetzung)
Zur Verleihung des 1. Julius-Rumpf-Preises
an die ev. Kirchengemeinde Joachimstal - Brandenburg für ihr Jugendmusikprojekt BAFF
am 13.5.2000
Das wirkliche Problem der Migranten liegt in ihrer sich wandelnden Innenwelt, ihrer neuen
Bikulturalität.
Bikulturalität teilt die Menschen in zwei entgegengesetzte Kräfte. Geradzu ein Segen ist sie für die Flexibilität, um auf neue Situationen einzugehen, bei der Wahl der Möglichkeiten, beflügelt sie die Expression, den Ausdruck.
Für die Befindlichkeit, die Impression, jedoch ist sie häufig ein Fluch, oft verbunden mit einem Erstarren. Man lebt aus dem Mangel der jeweils anderen Kultur. Die mitgebrachte verblaßt mehr und mehr, die neue braucht Zeit bis sie selbstverständlich ist. In diesem Zustand gleicht die subjektive Verfassung einem unvollständigen Puzzle, als wäre das Selbst nicht komplett, und die restlichen Teile werden auch noch weggespült. Und je nach Sozialisierung folgt diesem sich auflösenden Sein, entweder der Rückzug in die Tradition oder die völlige Assimilation mit der neuen Umgebung.
Ich erzähle ihnen das, um deutlich zu machen, was Worte implizieren, auch ohne dies vordergründig zu beabsichtigen: beide Begriffe werden in diesem Kontext zu Dressurinstrumenten, als wären Migranten eine amorphe Masse von noch zu determinierenden Identitäten.
Wer so leichtfertig mit derlei Begriffen jongliert, hier die fremde Kultur, die es zu integrieren gilt, dort deren undurchschaubare Identität, die greifbar gemacht werden soll, muß sich nicht wundern, wenn einfacher strukturierte Menschen, wie zum Beispiel die Jugendlichen vorgestern in Belzig/Brandenburg, die in der Wohnung einer vietnamesischen Familie Feuer gelegt haben, wenn die ohne jegliche Schuldgefühle, 'von dem fremden Pack sprechen, das man ausrotten sollte, weil sie nicht hierher passen'. Und das sind noch die harmloseren Sätze, die ich zitiere.
Überdies sagt 'Integration' noch gar nichts über die Qualität des Miteinanders. Selbst wenn alle Migranten deutsche Namen annehmen würden, ihre Haare blondierten und akzentfrei sprächen, dem Rassisten bleiben sie das Haßobjekt Nummer eins. Erst kommt das Fressen, dann die Moral. So ist Rassismus zu allererst eine ökonomische Abgrenzung dann erst eine ethnische. Materielle und besonders geistige Armut ist die Leiter ins humanistische Aus. Dabei trifft der Haß auf etwaige Schuldige, zu Beginn den, der am weitesten entfernt zu sein scheint, Migranten und Flüchtlinge. Später Bekannte, Freunde, Verwandte, bis sich die Verrohung gegen die eigenen Kinder richtet. Die dann selbst zu Tätern werden und ihre Opfer wie Trophäen aufzählen. In diesem Stadium ist es fast schon unmöglich, die geprügelten Wesen mit Gesprächen oder anderen kreativen Angeboten überhaupt noch zu erreichen, zu berühren.
Deshalb bewundere ich es umso mehr, wenn es trotzdem gelingt. Wie auch immer diese 'alternative Kultur der Toleranz und Verständigung' in der Umsetzung aussehen mag, sie scheint Erfolg gehabt zu haben. Sie hat die jungen Menschen zum JA überredet. Ob ihr nun 'auf festen Füßen' oder auf weichem Sand steht, bleibt bitte offen in eurem Denken. Natürlich funktioniert so ein Projekt nicht ohne mutige Protagonistinnen und angagierte Kreative. Liebe Pfarrerin Beatrix Spreng, lieber Uwe Kolberg und liebe BAFFS - meine Bewunderung an Sie alle und bitte macht weiter so!
Wir brauchen eine zivile, demokratisch und human gestaltete - eine solidarische Welt, das forderte Martin Niemöller damals, und darum bitte ich auch heute.
Er war ein Christ, wie der Preisstifter Julius Rumpf auch. Ich bin das nicht. Aber ich bin fest der Überzeugung, daß die Götter nur unterschiedliche Namen haben, für die selben Ängste und Fragen der Menschen: Was ist der Sinn des Lebens und was passiert danach? Und so habe ich mich für einen Götterbund entschieden. Die Schwangere in meinem ersten Buch sagt zu ihrem Ungeborenen: Du wirst sehen die Götter werden sich einigen und die Friedenspfeife rauchen. Dann werden wir mit dem christlichen Tatendrang aufstehen, in moslemisch gelassener Weise die klugen jüdischen Weisheiten leben und abends mit der Hoffnung auf Wiedergeburt, in Buddhas Schoß einschlafen. Was meinst du mein Engel, was das für schöne Träume gibt.
Leben ist ein dynamischer Prozess, kein statischer Zustand. So sind fortwährende Veränderungen durch neue Einflüsse, kulturimmanente Eigenschaften! und gleichzeitig unverzichtbare Garanten zukunftstauglicher Gesellschaften.
Ich danke Ihnen.
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