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VON GÖTTERN UND WIDERSPRÜCHEN ODER WARUM DIE TITANIC SANK
für die Heinrich Böll Stiftung am 14.5.98 in Dortmund
Stichworte: Nachhaltigkeit - Lokale Agenda

Guten Tag meine damen und Herren und Dank für die Einladung.
Es ist sicher nichts Neues, das Sie jetzt hören werden, ich habe versucht das, was ich dazu denke, zusammenzufassen. Nehmen Sie es auch nicht strikt als einen Vortrag, eher als eine Wunschliste einer Besorgten. 
Als eine zusätzliche Seite in unser aller Agenda.

Wie es in der Zukunft aussieht, weiß ich nicht, auch nicht ob wir überhaupt 
um dieses abstruse Wort zu benutzen, ob wir "zukunftsfähig" sind, aber ich bin überzeugt, daß wir sicher zukunftstauglich sind, warum auch nicht? 

Solange es Licht, Luft und Liebe gibt - solange uns das Licht nicht verbrennt, die Luft uns nicht erstickt und die Liebe nicht Haß umschlägt - bleibe ich stur
zuversichtlich, glaube an die Vernunft, versuche meiner gesamten Umwelt in RESPEKT zu begegnen.

Die einen reden von Politikwechsel, nachhaltige Politik meinen die anderen, die dritten wollen, daß es so bleibt.
Und seltsamerweise haben hier mal alle drei Recht: es muß sich etwas ändern, ja, das tief eingreift und nachhält, ja, damit zumindest noch der Rest an Recourcen und Menschenwürde erhalten bleibt, ja.

Aber es ist mehr als ein bloßer Wechsel, der da ins Haus steht und es hält nur nach, wenn mit allen gesellschaftlichen Gruppen, inklusive der Wirtschaft, besonders mit der Wirtschaft, täglich daran gearbeitet wird.

Aber zunächst müssen wir uns darauf einigen, woran wir arbeiten müssen, woran wir glauben müssen, um die Überzeugung und Energie aufbringen zu können, derer dieser Jahrtausenwandel, der uns bevorsteht, dringend bedarf. 

Und das ist sowohl ein Wandel, der die inhaltlich qualitative Veränderung als auch eine entschlossene, geistige Fort- Bewegung meint. 

Nicht nur die Flexibilität, dies oder jenes tun zu können, was auch austauschbar und beliebig sein kann, sondern ein bewußtes Verlassen erstarrter, rostiger Werte dieses Industriejahrhunderts, das eigentlich längst ein Zeitalter der Bürokratie, Aktiengesellschften, Datenbanken und der vernetzten Märkte ist, was wiederum nichts anderes ist, als ein virtuell verwalteter Globalkpitalismus. 
Eine wahrhaft undurchsichtige Cyber-Sekte. 

Mit Glauben meine ich nicht diesen irrationalen 'Glauben', der Jahrtausende alten Religonsethik vom Messias, vom Erlöser oder vom Retter irgendwo da oben. Es wird keiner kommen. 

Es ist noch nie einer gekommen, nicht einmal, als Hunderttausende in Flammen aufgingen in Hiroshima und Nagasaki, und niemand hat die Millionen gerettet, die bestialisch ermordet wurden in Auschwitz und Meijdanek, in Dachau und in Sachsenhausen.
Das waren auch keine unterirdischen Teufel, die diese und noch unendlich mehr Massaker zu verantworten haben. 
Dieses war und ist auch heute noch- wie gerade aktuell in Somalia - Menschenwerk, von Menschen erdacht, geplant, organisiert und ausgeführt. Teuflisch ja, weil Menschen auch teuflisch sind, um in der religiösen Metaphorik zu bleiben. Und es ist wichtig sich zu erinnern, daß wir auch aus der Summe dieser Greueltaten bestehen. 

Ich meine nicht den 'Glauben' an irgendetwas außerhalb vom Menschen, ich meine die Überzeugung, in der wir uns allesamt, kollektiv und weltweit wiederfinden, daß wir unsere Kinder und Kindeskinder in einer gesunden Welt weiter existierend sehen wollen. 

Ich meine einen humanistischen, intuitiven, informierten Glauben, der tief in jedem von uns sitzt, der Glaube, daß wir z.B. morgen wieder aufwachen werden und daß es noch Gerechtigkeit geben wird .

"Wir sind Gott, in Blatt, Blüte und Frucht," sagt Khalil Gibran, ein lybanesischer Poet.

Wer vom Verfall der Werte und Ziele redet, der hat seine eigenen Werte und Ziele verloren. Die Werte regnen nicht vom Himmel, sie sind nichts außerhalb von uns, wir SELBST sind unser Wert und unser Ziel. 
Wir müssen wieder ganz kompromislos und radikal an die Basis, die Vorasusetzung, an den Keim der Zivilisation denken: es ist der Mensch, seine Kreativität, seine Arbeitskraft, sein Willen, der all das Sichtbare ermöglicht und geschaffen hat, sowohl das, was wehtut als auch das, was guttut. 
Also muß alles für seine Entfaltung Notwendige im Mittelpunkt der Entwicklung aller Konzepte seiner Reproduktion stehen. 

Die Maschinen sind für ihn da, nicht umgekehrt, die Natur ist ihm kein Untertan, sondern sein siamesischer Zwilling auf Lebenszeit.
Gerade vor zwei Tagen haben wir eine leise Ahnung davon bekommen, was es heißt, wenn die Sonne nicht mehr guttut, wenn jeder Atemzug ein kleiner Erstickungstod ist. Wenn die Hitze giftig wird. 

Es klingt wie ein unvereinbarer Widerspruch, wenn ich trotzdem sage: 
Ich bin froh, daß es eine Technik gibt, die Menschen, die Arbeit erleichtert, wenn sie Häuser bauen, Brunnen oder Tunnels graben oder die Menschen gesund macht, vor dem Tod rettet, die Licht und Strom gibt, damit sich Frauen nicht die Hände blutig scheuern müssen oder uns Reisen ermöglicht um die Sonne anderer Kontinente zu sehen, das Brot anderer Völker zu kosten, ihre Lieder zu hören.
Ich bin froh über jeden Fortschritt, der dem Menschen das Leben verbessert hat und auch weiterhin verbessern soll. 
Und ich wünsche mir auch weiterhin Fortschritt, eine verantwortungsvolle, eine naturgerechte Technologie, die weltweit allen ermöglicht satt zu werden, Licht in jeder Hütte zu haben und lernen zu können.

Das würde nach dem Stand der heutigen Auffassung von Fortschritt den endgültigen Zusammenbruch aller Systeme bedeuten, der ökologischen als auch ökonomischen Systeme.
Also läßt man bewußt die eine Welthäfte in Dunkelheit, Unwissenheit und Armut.
Und die andere Welthälfte proklamiert brustgeschwellt, als hätte sie ein sehr schlechtes Gewissen, als oberste humanistische Maxime: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Und damit meint sie nur ihr eigenes, gutgenährtes, gebildetes und sexuell verhütetes Volk. 

Das einzig Nachhaltige, wie ich es sehe, denke, und glaube, wird nur über diesen Weg zu erreichen sein: 
Erst wenn wir den Konsens haben, daß die Würde des Menschen, die Würde aller Menschen auf dieser Welt meint, erst dann kann eine nachhaltige Veränderung beginnen.

Aber es wird keinen ökologischen Wandel geben ohne eine drastische ökonomische Veränderung.

Und da sehe schwarz.
Wir leben in einem System, dessen höchstes Ziel die Produktion und die Konsumtion ist und ihre Losung lautet: ständiges Wachstum und Erfolg, immer Schneller und immer Mehr.
Damit das reibungslos läuft, braucht es gleichgeschaltete Wesen, sowohl in der Produktion als auch beim Konsum. 
Berechenbare Menschen mit kalkulierbarem Geschmack und standatisierten Wünschen - leicht zu beinflussende Konformisten, ein routiniertes Arbeitsvolk, das ein ebenso routiniertes Hobbyvolk ist, denn auch seine Freizeit unterliegt der selben Maxime: höchste Produktivität, höchster Umsatz.
Wir sind Abhängige, Konsumjunkies. Wir müssen auf Entzug.
Wir müssen in die Therapie. 
Entzug heißt aber nicht Verarmung, sondern Bewußtwerdung, heißt lernen, lernen nein zu sagen, heißt sich der Anpassung verweigern, die die eigene
Individualität, die eigene Kreativität, betäubt.
Ich wünsche mir:

Genuß statt Konsum, Qualität statt Quantität, Mut zur Konzentration statt Zerstreuung in der Masse.

Es geht um ein nachhaltiges DENKEN, sowohl des Einzelnen als auch der Politik und besonders um ein Umdenken der Wirtschaft.

Und das ist kein Widerspruch dazu, daß ich die Miete bezahlen muß, für meine Kinder die bestmögliche Ausbildung haben möchte, und meinen eigenen Horizont erweitern und andere Kulturen kennenlernen möchte. Es kommt darauf an WIE!

Ich will versuchen einige Schritte für die Fortbewegung hin in ein anderes Denken und Handeln zu beschreiben. 

Von dem ersten Schritt, dem Glauben in unseren eigenen Wert habe ich anfangs gesprochen. Das verlangt Mut und Beharren. Es verlangt höchste Kreativität und ein radikales NEIN zum Konformismus.

Erich Fromm sagt: Der Mensch echt religiöser Kulturen könnte vielleicht mit einem Kind von acht Jahren verglichen werden werden, der einen Vater als Retter braucht, das jedoch angefangen hat, die Lehren und Prinzipien des Vaters in sein Leben zu übernehmen. Der zeitgenössische, moderne Mensch ähnelt jedoch einem Kind von drei (!) Jahren, das nach dem Vater ruft, wenn es ihn braucht, und sonst zufrieden ist, wenn es spielen darf. (aus: Die Kunst des Liebens)

Das beschreibt sehr deutlich die Infantilität des Abhängigen, die des betäubten Konformisten, der sein Selbst nicht entwickelt hat.

Ich wünsche mir den Aufstand der kritischen Neinsager, der kultivierten Mutigen, der Nonkonformisten.

Ich denke ein weiterer Schritt in eine aktive, nonkonformistische Gesellschaft ist, zumindest hier in Europa, die Neubestimmung des Verhältnisses: Individium - Staat - Nation.

Amerika wird in letzter Zeit besonders gern als das große Vorbild genannt, wenn es um die Vereinheitlichung in Europa geht, explizit, um den Euro.
Aber es wird permanent ignoriert, daß, im Gegensatz zu den USA, hier auf diesem Kontinent, mindestens 10 verschiedene Sprachen existieren, mindestens 10 verschiedene, historisch gewachsene, große Kulturen einen eigenen Raum beanspruchen. 
Diese Kulturen lösen sich nicht auf wie in Nescafé wegen einer Währungsunion, wie Schilling, Pfund, Francs, Escodos, Drachmen und DM in den Euro.
Diese Währungsunion wird meiner Meinung nach noch große Differenzen, sowohl unter sozialen, als auch poltischen Aspekten, bringen. 

Sie ist gegen die Menschen konzipiert, als reines Marktintrument.

Sie ist gedacht als ein Kapital vernetzendes Instrumentarium, um vorerst innerhalb überschaubarer Grenzen eines kleineren Kontinents noch effektiver und kostengünstiger produzieren und vermarkten zu können.

Diese Union wird nicht einen einzigen zusätzlichen Arbeitsplatz gerechnet auf ganz Europa schaffen. 

Sie wird die Arbeitsstätten verlegen, je nach Kosteneffektivität. 
Die Länder werden erpressbar, denn nur günstige Standortbedingungen werden die Unternehmen anlocken, und so saisonal und regional die Arbeitslosenzahlen senken.
Und dieses Verfahren wird dann wie ein fahrendes System, ähnlich den Jahrmärkten heute, von Land zu Land ziehen, und Arbeitsplätze anbieten in mobilen Montagehallen, eine Art Working - Trucks.
Und nur das Land, das den reibungslosesten Produktionsablauf garantiert, wird den Zuschlag bekommen und die Menschen werden an den Straßen stehen und sich anbieten und gleichzeitig sich gegenseitig unterbieten. 

Denn es wird keine Gewerkschaften mehr geben, die für sie den Widerstand organisieren. 
Dezentralisierung von Arbeitstätten bedeutet gleichzeitig die Auflösung von organisierbaren Proteststrukturen.

Der Staat, namentlich die Politik, wird zum Zuhälter der arbeitenden Menschen. 
Die Wirtschaft ist der grinsende Dealer in diesem Fusionierungsroulette, der seine Gelder in einem jeweils anderen Kontinent mit neuen Trucks and Tricks wieder sauberwäscht, per Mausklick, online. Er ist ja vernetzt. 

Der Globalkapitalismus - ein neuer Absolutismus - vorwärts in das digitale Mittelalter! - hinein in die provider Dämmerung - ab zur Messe in der chatlounge - die cyber Götter warten schon.

Die Poltik hat diese Entwicklung nicht nur verschlafen, sie versucht da nun gleichermaßen hurtig mitzumischen, damit sie auch noch etwas von der digitalen Macht-Torte abbekommt, und merkt nicht, daß die Sahne schläfrig macht.

Die Geschwindigkeit der Vereinfachung von Pruduktionsverfahren erlaubt sogar die Vorstellung, daß z.B. Henkel, Fiat oder Renault diesen Poker um billigste Standorte, günstigste Steuern, minimalste Sozialabgaben irgendwann so satt haben werden, daß sie die Produktion kurzerhand in Raumschiffe verlegen, die nur noch zum Entladen auf iregendwelchen Güterbahnhöfen oder Verladerampen aufsetzen und ansonsten in einer genehmigten Reiseflughöhe, allen Vorschriften von Arbeitszeit und Arbeitsschutz, ganz zu schweigen vom Umweltschutz, gänzlichst entfliehen können. 

Und damit komme ich zum letzten Punkt: Warum die Titanik sank.

Die folgende Entwicklung ist für mich derzeit der größte Widerspruch:
Es ist heute von allen anerkannte Theorie, daß uns die multimediale Informations- und Produktionsgesellschaft größtmögliche Flexibilität abverlangt. Sowohl im privaten als auch im beruflichen Bereich.

Wir sollen uns zukünftig auf mehrere Berufe während unserer "Erwerbszeit" einstellen und in kürzeren Zeitspannen planen.
Eine gewisse Gehetztheit ist sogar chic.
Nichts ist mehr für ewig, weder die Liebe, noch der Arbeitsplatz. 
Nichts ist mehr stabil oder verläßlich.

Ich will jetzt nicht darüber reden, welche fatalen Auswirkungen dieser Turbo -Liberalismus, anonym und völlig gleichgültig, auf den einzelnen Menschen haben wird. Denn nun wird die Arbeitskraft endgültig austauschbar, verliert endgültig seine individuelle Besonderheit.

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