(Fortsetzung)
VON GÖTTERN UND WIDERSPRÜCHEN
ODER WARUM DIE TITANIC SANK
Über Entfremdung des Selbst durch Industriearbeit gibt es ja genügend Literatur, aber das war in der virtuellen Steinzeit. Da sprach man auch noch von Arbeit.
Wie aber wird sich diese neue zügellose, transnationale
Spekulationsidiologie, die sich jeder Verläßlichkeit verweigert, jeder Konzentration, auf unsere Psyche, unsere Motivation und unsere Liebesfähigkeit auswirken?
Von der Restkreativität, die noch im Begriff der ARBEIT steckte, weil sie sie persönliche, gestalterische Arbeitskraft voraussetzt, ist im neuen Zeitalter die rudimentäre ERWERBSTÄTIGKEIT übriggeblieben.
Das ist kein Extrakt der Kreativität, wie man vielleicht glauben könnte, ganz im Gegenteil (!), Erwerbstätigkeit schließt sogar ein persönliches Engagement aus.
Die Verwaltung anoymer Bürokratien benötigt ausschließlich die Tüchtigkeit und die Loyalität der Erwerbsabhängigen, man könnte es auch ihre Unterwerfung nennen.
Parallel zu dem Flexibilitätsdruck auf die Erwerbssuchenden und Erwerbstätigen entwickeln sich aber Unternehmenstkonstruktionen und -strukturen von noch nie dagewesener Größe, starre Verwaltungssysteme, mit einer fragilen Steuerung, reine Verwaltungsbürokratien, bestimmt durch die neuesten Daten der Börsenkurse, seltsamerweise immer noch mit der Denke des Industriezeitalters: des immer mehr, immer schneller, immer weiter - immer noch mehr Quantität - Masse! Masse!
Auf die Frage: warum denn immer noch?
Kommt ruckartig, wie ein Befehl zum Angriff: Der Markt bestimmt!
Welch ein Selbstbetrug! Als wäre der Markt ein Fabelwesen von Doller- oder Jen-Titanen gezeugt und nicht von Menschen selbst gemacht und in Gang gehalten.
Ich wünsche mir eine neue Unternehmensphilosophie.
Er muß klar sein, daß eine sozial gerechte Anpassung an neue Entwicklungen nie einseitig funktionieren kann.
Veränderte Produktionsverhältnisse brauchen neue Gesellschaftsverträge, brauchen einen veränderten Umgang mit Dienstleistungen und der Warenzirkulation.
Ich wünsche mir eine modifizierte, kultivierte Marktwirtschaft.
Was soll das sein?
Da ich nicht in der Lage bin, mir eine neue Gesellschaftsstruktur auszudenken, bleibe ich bei der vorhandenen Erungenschaft der Markwirtschaft.
Dazu eine kleine Zusammenfassung, welcher idiologischen Wandlung das Zirkulationsmittel Geld in den letzten knapp 150 Jahren, folgen mußte.
Als die Industrialisierung noch mit feudalistischer Denke produzierte und nur der Patron bestimmte, das Geld als anonymes Tauschmittel die reine Tauschgesellchaft ablöste, nannte es Karl Marx den Kapitalismus.
Nach fast hundert Jahren, als endlich die Politik diese ausbeuterische Despotie nicht mehr tolerieren wollte und Rechte und Schutz für den Arbeiter verlangte, kam die Absprache gegenseitiger Fairness zwischen dem sogenannten Arbeitgeber und Arbeitnehmer und der zusätzlichen Partnerschaft des Staates dazu, und Ludwig Ehrhardt, ein konservativer
Poltiker, nannte es die soziale Marktwirtschaft.
Ich denke, angesichts der zunehmenden Anonymisierung der Arbeitsbeziehungen, der fundamentalen Veränderung des Begriffes Markt durch die Globalisierung, durch Auflösung verbindlicher Arbeitsverhältnisse und verläßlicher Partnerschaften, ist es höchste Zeit, bevor wir in die Tyrannei des Feudalkapitalismus zurückfallen, eine weitere Verabredung miteinander treffen: nämlich RESPEKT .
Das ist die Erweiterung des Gesellschaftsvertrages um eine metaphysische Komponente.
Auch hier will noch einmal Erich Fromm zitieren:
Respekt meint die Fähigkeit den anderen so zu sehen, wie er ist, und seine einmalige Individualität zu erkennen.
Respekt bedeutet das Streben, das der andere wachsen und sich entfalten kann.
Dem Respekt fehlt daher jede Tendenz der Ausbeutung.
(aus: Die Kunst des Liebens)
Ich wünsche mir eine Unternehmensphilosophie, die sich dessen bewußt wird, und ihre altkapitalistischen Mentalität aufgibt.
Ich wünsche mir die Demut und den Respekt des Unternehmers vor der Arbeitskraft und Kreativität seiner Beschäftigten.
E r ist der Arbeitnehmer, e r nimmt die Arbeitskraft und gibt dafür das ausgehandelte Äquivalent.
Ich wünsche mir einen kultivierten Umgang mit den regionalen und kulturellen Besonderheiten der Standorte. Sie sind eine Leihgabe unserer Kinder und Kindeskinder.
Ich wünsche mir eine wache, fürsorgliche, verantwortungsvolle Produktionsplanung, die persönlich und konkret bleibt.
Das ist aber nur in kleineren, überschaubareren, verbindlichen Einheiten möglich.
In einer nach menschlichen Bedürfnissen orientierten Marktwirtschaft. Und nicht mit einer marktorientierten Gesellschaftspolitik.
Denn eine Marktkrise am einen Ende der Welt, ruiniert auch die Wirtschaft der entgegengesetzten Welthälfte.
Die Titanic ist untergegangen, weil sie ein zu kleines Steuer hatte, das diesen schwimmenden Luxuswahn hätte noch rechtzeitig abdrehen können.
Die Schiffsbauer haben glücklicherweise daraus gelernt und sind genauer in der Berechnung der technischen Verhältnisse und praktischen Annehmlichkeiten geworden.
Sie haben die Arroganz und Ignoranz gegenüber technischer Unfehlbarkeit abgelegt.
Es gibt keine 100% ige Technologie.
Weder im Schiffsbau, noch in der Atomenergie, weder am Fließband noch im Internet.
Ich bin überzeugt, daß die nächste Stufe der Entwicklung nach innen geht, gehen muß, in die Selbsterkenntnis.
Und zwar auf allen Ebenen der Wirklichkeit:
auf der Produktionsebene, wie auch auf der politischen Ebene, der individuellen, der ethischen und der kulturellen Ebene, sowie der philosophischen und der naturwissenschaftliche Ebene.
Es gibt keine Alternative zum Leben.
Prof. Dürr sagt: Zerstörungsprozesse gehen beliebig schnell, Entwicklungsprozesse dagegen brauchen viel Zeit.
Nachhaltig wird nur ein radikal humanistisches Denken und Handeln sein.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
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