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Die Frau mit Bart

Die Frau mit Bart

Katrin hatte Anna die dazugehörige Geschichte erzählt. Das Bild zeigt eine Storch, der in einem Herbst vor fünfzig Jahren dem Zug der anderen in den Süden nicht folgen wollte und lieber an der Küste, auf dem Festland blieb. Es war nicht herauszubekommen, ob er noch zu jung war oder krank. Er flog nicht mit, überwinterte bei den Tieren des Bauernhofes im Stall. Die Leute sagten, wenn die anderen zurückkämen, würden sie ihn töten. So war es dann auch geschehen. Als der eigenwillige Außenseiter die Artgenossen nach der Rückkehr begrüßen wollten, stürzten sie sich in einer großen Gruppe auf ihn, zerfetzten den wehrlosen Vogel zu Tode.

>>Es reicht eben nicht, aus einem Storchenei von einer Storchenmutter in einen Storchennest ausgebrütet zu sein<<, dachte Anna. >>Das heißt noch lange nicht, daß du auch ein richtiger Storch bist. Du mußt den Storchensippengesetzen gestorcheln, du dummer Storch. Willst du mit Kühen und Schafen kuhmuhen und schafmeckern, bist du nach den Storchensippengesetzen  eben kein richtiger Klapperstorch mehr. Das Schaf mag dir ziemlich blöd erscheinen, weil es sich immer kahl rasieren läßt, aber es würde sich nie ein Ring durch die Nase ziehen lassen. Das ist eben das Schafsippengesetz. Nach dem Kuhsippengesetz darf sich eine Kuh zwar melken lassen, aber für Schafe ist die Kuhweide verboten. Die werden gnadenlos weggeboxt. Sie hätten dich sicher geduldet, aber sie hätten dich nie geliebt. Es wäre ein trauriges Storchenleben geworden. Und wenn du zurückgehst, wirst du bestraft, weil du Neues mitbringst, denn Neues macht Angst, armer, toter Storch.<< 

Anna zündet sich eine Zigarette an. >>Ich hab` mich auch verflogen. Als ich jünger war, fand ich das Rumflattern noch ganz amüsant, aber in letzter Zeit ahnelt mir das Ahnengehirn unverständliche Faxe. Ich rufe zurück, will fragen, reden, aber es ist immerzu besetzt, oder es gibt keine Anschluss mehr unter der Nummer. Sie sind entweder weitergezogen oder schon tot. Mein Gehirn ist ja auch das Gehirn meinen Vorfahren, und deren Nester waren auf anderen Kontinenten. Sie waren Nomaden, ich will seßhaft werden, aber ihr Flügelschlag hallt mir unter der Haut. Ich kenne das Ei, das Nest und den Ort, über dem eine kupferne Sonne und ein gläserner Halbmond gestrahlt haben. Trotzdem muß ich meine Sippengesetze irgendwo verloren haben.<< Anna dreht sich zu dem Bild. >>Oder hattest du dich in eine Kuh verliebt, du dummer Storch?<< und lehnt sich zurück auf das Kissen. >>Ich habe das Fliegen über staubigen Straßen gelernt, bin den Bussen gefolgt zum Spinnennetz der großen Bahnhöfe. Dort habe ich mir den längsten Zug ausgesucht,  habe ihn verfolgt wie einen dicken, saftigen Regenwurm, aber der entpuppte sich als eine Schlange. Überall, wo er anhielt, ließ er ein kleines Schwanzstück zurück, auf Abstellgleisen. Ich flog der Lokomotive hinterher, die schob neue Wagen an bis zum nächsten Halt. Da übernahm ein anderer Kopf den Schwanz und fuhr in die entgegengesetzte Richtung wieder raus, der alte blieb zurück. Ich habe viele Bahnhöfe gesehen, auf Schlangen kann man keine Nester bauen.<<
Sie drückt die Zigarette wieder aus.

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