|
Renan
Demirkan: Vorwort
Daniel, 5 Jahre: Wie ich ins Kinderdorf kam
Sonja, 16 Jahre:
Wenn ich an ihn denke
Neila, 16 Jahre:
Lasst mich Freitag
Marcel, 15 Jahre:
Ich bin Marcel und wohne in einem Heim
Marcel, 11 Jahre:
Wie es am Anfang für mich war
|
Der Mond, der Kühlschrank
und ich
Heimkinder erzählen
Liebe Mädchen
und Jungen, liebe Leserschaft, vielleicht fragen sich einige von
Euch, von Ihnen, wer braucht denn so ein Buch? Warum Geschichten
von Heimkindern? Was können die uns erzählen, was wir noch
nicht wissen?
Ich will mich an einer Antwort versuchen, will auch eine
Geschichte erzählen, will von einer Kinder-Wirklichkeit
berichten, die unsichtbar ist, von einem verstellten Leben, das
von Anfang an ausgeliefert ist in die Hände vermeintlicher
Eltern, lautlos, ohne die geringste Chance, sich wehren zu können.
Es ist schon fast eine Ewigkeit her, aber ich zittere noch immer
bei jedem Gedanken an diese Erinnerung.
Ich war kurz vor dem Abitur, da sprach mich in einer Kneipe eine
Frau an. Etwa 30 und im vierten Monat schwanger. Der Kellner
hatte gerade die letzte Runde angekündigt, und draußen war es
kalt, Winter.
>> Kann ich heute Nacht bei dir schlafen?<< , fragt
sie. Ihr >>Typ<< sei im Knast, und sie hätte keine
Bleibe. >> Und mit dem Kind im Bauch kann ich nicht überall
hin.<<
Ich weiß bis heute nicht, warum sie sich ausgerechnet mich
ausgeguckt hatte. Ich kannte sie nicht. Sie war mir einmal in
einer WG begegnet. Aber ich sagte trotzdem ja, dachte, für
einen Nacht, da ist doch nichts dabei.
Am nächsten Morgen verließ ich früh um sieben meine Wohnung.
Ich musste ja in die Schule und bat sie, wenn sie ausgeschlafen
hat, einfach die Tür hinter sich zuzuziehen.
Das war damals so. Ich war da keine Ausnahme. Das heißt, in
meinem Alter war man so, ohne Argwohn. Weshalb auch, weder hatte
ich einen Besitz noch andere Kostbarkeiten, um die ich mich hätte
ängstigen müssen. Meine Garderobe hätte ihr nicht gepasst,
meine Bücher brauchte sie nicht. Jedoch hatte ich ein Dach über
dem Kopf und sie ein Kind im Bauch, und sich zu helfen war
damals Zeitgeist.
O.k.
Nicht so o.k. war es, als sie am Nachmittag noch immer im Bett
lag, und am nächsten Tag auch noch und auch noch die weiteren
Tage und Wochen und schließlich auch noch die restlichen Monate
bis zu ihrer Entbindung, im Sommer. Irgendwann hatte ich es
aufgegeben, ihre Sachen vor die Tür zu stellen. Jedes Mal bekam
ich Gewissensbisse, wenn sie auf ihren immer größer werdenden
Bauch zeigte.
Dann fingen meine Schwierigkeiten mit dem Abi an, und ich hätte
arbeiten müssen, konnte es aber nicht. In meiner Wohnung war
kein Platz mehr für mich. Da gingen ständig irgend welche Männer
ein und aus, hinterließen volle Aschenbecher und Hunderte von
leeren Schnapsflaschen.
Es seien Freunde, sagte sie. Etwas anderes wäre mir nie in den
Sinn gekommen. Ständig jammerte sie, ihrem
>>Schicksal<< so allein ausgeliefert zu sein. Einmal
wurde ich wütend: >>Mit Schicksal hat das nichts zu
tun<<, sagte ich. >> Jeder Mensch hat die Wahl,
sich zu entscheiden, für oder gegen etwas, und man muss dann
auch die Konsequenzen tragen. Und du hast dich für das Kind
entschieden, also hör auf mit der Sauferei!<<
Da schrie sie zurück, wie so oft volltrunken, mit zwei
Zigaretten in der Hand, eine raucht sie, die andere hielt sie
bereit: >>Dieses Kind ist mein Schicksal, und ich muss es
kriegen! Das erste sollte eben nicht sein. Du verstehst das
nicht.<<
Ihre Eltern hatten ihr das Sorgerecht für das mittlerweile fünfjährige
Kind entzogen, weil sie Alkoholikerin war.
Die Geburt verlief ohne Komplikationen, und das Mädchen war,
wie durch ein Wunder, kerngesund. Das Sozialamt stellte der
Mutter sofort eine eigene Wohnung zur Verfügung, in die sie
direkt vom Krankenhaus aus einziehen konnte.
Irgendwann, nach vielleicht einem halben Jahr, es wurde schon
wieder kalt draußen, habe ich sie dann nach längerem Zögern
besucht.
Mit einer Mischung aus Neugier und Sorge klingelte ich. Es
dauerte, bis die Tür aufgedrückt wurde.
Ich ging durch das feuchte Treppenhaus zu der Parterrewohnung,
die Tür war angelehnt: >>Komm rein<<, hörte ich
von innen, >>und mach die Tür zu, hier wimmelt es nur so
von Pennern!<<
Kaum, dass ich eingetreten war, zog mich eine Hand in einen
abgedunkelten Raum. Der Klang der Schritte hallte noch etwas
nach. Durch eine brüchige Holzjalousie tröpfelte das matte
Winterlicht vom Hinterhof, das allmählich einige Kritzeleien an
den grauen Wänden sichtbar werden ließ, ein Matratzenlager
ohne Bezug, ein Haufen Kleidungsstücke auf dem Boden und ein völlig
verwahrloste Frau.
>>Das ist meine Höhle<<, sagte sie und zeigte an
die Decke, da hingen Stofffetzen herab, wie überdimensionale
Fledermäuse. >>Schön, nicht? Selbst gemacht, war ja mal
Dekorateurin...<<, und sie zog mich gleich weiter ins
Badezimmer, knipste das Licht an: >>Na, was sagste?<<
Ich sagte nichts. Ich konnte nichts sagen. Mir viel nichts ein,
kein einziges Wort. Ich kannte diesen Zustand noch nicht, so außerhalb
der mir bekannten Gegenwart, ohne irgendeinen vergleichbaren
Bezug.
Ich sah duzende verfilzte, gelockte, strähnige, blonde,
schwarze, brünette, kurze und lange Büschel da herumliegen,
einige hingen an Haken oder steckten noch in der Waschmaschine,
wie eine Invasion mutierter Ungeziefer. >>Das alles bin
ich, für jeden Kunden eine andere<<, sagte sie und griff
euphorisch in eine der herumliegenden Perücken und setzte sich
eine rote auf. Immer noch fiel mir nichts dazu ein. Dann endlich
formte sich ein Satz: >>Und die Kleine? Wo ist denn das
Kind?<<
Sie riss die Perücke herunter, schmiss sie in die Wanne.
Schaltete das Licht aus und zog mich quer durch den Raum in die
andere Ecke des Zimmers zu einer Tür. Sie stieß sie so laut
auf, dass ich erschrak, als ich das Gitterbettchen sah, dachte,
das Kind würde gleich aus dem Schlaf geschreckt, laut
aufschreien. Aber es schlief. Unbekümmert und tief.
Bewegungslos wie tot. Unwillkürlich beugte ich mich zu dem
kleinen Mädchen mit den langen, dunklen Wimpern und küsste sie
auf die Stirn. Sie atmete, war warm und lebendig. Gott sei Dank!
Aber in welch einer Umgebung: eine Besenkammer ohne Fenster,
kahle, graue Wände. Es roch nach Blei.
>>Hier kommt sie nur rein, wenn ich Besuch habe<<, hörte
ich, als ich mit einem Ruck aus dem Raum weggezogen wurde,
>>und du musst jetzt gehen, ich erwarte jemanden.<<
Ich begriff es zwar immer noch nicht wirklich, aber ich ahnte,
was da vor sich ging. >>Was machst du, wenn sie wach
wird<< ,fragte ich, >>was machst du dann?<<
Aber sie wiegelte ab, zog mich weiter durch das Zimmer zur Haustür
hin. >>Die wird nicht wach. Ich geb der ne viertel Valium
5, und die schläft den ganzen Tag durch und, wenn's sein muss,
auch die ganze Nacht!<<
Was immer ich auch getan hätte und nicht getan habe, ich habe
mich schuldig gemacht. Ich habe nächtelang, tagelang, über
Monate hinweg, mit Freunden und Verwandten gesprochen, aber ich
bin nicht zum Jugendamt gegangen. Ich wusste, wenn ihr nun auch
das zweite Kind weggenommen wird, wird sie gleich wieder
schwanger. Nach zwei, drei Monaten wollte ich mit ihr reden,
aber sie war weggezogen.
Nach vielleicht vier Jahren sah ich sie auf der Fußgänger Zone
wieder. Sie war in einem entsetzlichen Zustand, das Mädchen
schien mir, von der anderen Straßenseite aus gesehen, gesund und
fröhlich, hüpfte wie alle anderen Kinder um die kleinen
Wippschaukeln, lachte. Für einen Moment war ich erleichtert.
Später, gegen Ende meines Studiums, habe ich für kurze Zeit
als Aushilfsnachtwache gearbeitet, in einem Heim für sogenannte
schwererziehbare Kinder. In jedem der Kinder die ich dort erlebte,
suchte ich dieses kleine Mädchen mit den langen, dunklen
Wimpern, starr vor Angst, dass sie wirklich dabei sein könnte.
Dieses Buch ist nun, nach mehr als zwanzig Jahren sich
kreisender Erinnerungen, der Versuch, den unendlichen vielen
sichtbaren und unsichtbaren Verletzungen der Heimkinder eine
Matrix zu sein, durch die die Erwachsenen in ihre eigene Schuld
sehen können. Ob sie nun mittelbar oder unmittelbar Schuldig
sind, als Eltern, Verwandte oder Nachbarn.
Wir sind es.
Und wir müssen aufhören zu klagen und zu jammern,
Rechtfertigungen zu suchen, warum wir es nicht besser verstanden
haben. Wir haben die Pflicht, es besser zu tun!
Werdende Mütter müssen aktiv begleitet und beraten werde. Sie
brauchen psychosoziale Gespräche. Und in kritischen Fällen
sollten sie im Interesse der wehrlosen Kinder von einer
Familienbehörde oder dem Kinderschutzbund beobachtet werden.
Eltern, die ihre missbrauchen, müssen in jedem Fall
strafrechtlich belangt und verurteilt werden! Und damit meine
ich jede Form des Missbrauchs, wie zum Beispiel jene Gewalt und
Folter, die uns hier in diesem Buch so oft beschrieben werden,
die bei Verwahrlosung beginnt, Schläge und Demütigung sowie
jede andere Nichtachtung der menschlichen Würde mit einschließt.
Es ist gut und richtig, die Kinder aus diesen sogenannten
Elternhäusern zu nehmen, in denen sie seelisch und körperlich
verstümmelt werden, aber es ist mir unverständlich, warum die
elterlichen Täter nicht gleichzeitig gesellschaftlich geächtet
und politisch und juristisch wie Verbrecher behandelt werden.
Denn sie sind es. Sie verstoßen täglich gegen Artikel 1 der
deutschen Verfassung und der internationalen Menschenrechte: Die
Würde des Menschen ist unantastbar. Außerdem sind diese Väter
und Mütter in der Regel Gewohnheitstäter, die es nicht lassen
können, ihren Frust und Unmut an Kindern abzureagieren. Rettet
man eins der Kinder, vergreifen sie sich am nächsten oder
zeugen aus Trotz noch eins. Aber Kinder sind kein Eigentum.
"Sie sind Töchter und Söhne der Sehnsucht des Lebens nach
sich selbst", sagt ein arabisches Sprichwort.
Es muss aufhören, dass mitten unter uns Kinder ihr Leben
fristen wie blinde Passagiere, unsichtbar und rechtlos. Jedoch
sind Kinderrechte vor allem und zuerst Erwachsenenpflichten.
Und das ureigenste Recht der Kinder ist unsere bedingungslose
Liebe und Fürsorge, unsere Verantwortung und unser Respekt vor
ihrem Leben. Sie sind eine Leihgabe der Zukunft.
Damit betroffenen Kindern der komplizierte Weg zu den
offiziellen Stellen erleichtert wird, sie schneller und vor
allem unbürokratischer und direkt ihren Kummer erzählen können,
wünsche ich mir eine feste Einrichtung in den Schulen, ein
"Kinderbüro" mit einer Fachkraft, die sowohl
unmittelbar reagieren als auch die Kinder begleiten kann.
Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass der Vertrauenslehrer bei
familiären Konflikten gemieden wird, um das Persönliche und
das Schulische miteinander zu vermischen.
Aber ein "Kinderbüro" wäre eine unabhängige
Anlaufstelle, eingebunden in die alltägliche, vertraute
Umgebung.
Ich möchte allen Mädchen und Jungen dafür danken, dass sie
uns etwas von sich geschenkt haben, dass sie uns Geschichten erzählt
haben aus ihrem Leben und uns sogar einen Blick in ihre Träume
gewähren lassen. Ich danke euch für Euer Vertrauen.
Renan Demirkan, im Februar 2001
Kontakt:
Verlag
Kiepenheuer & Witsch
Tel.: 0221-3768538
Fax: 0221-3768571
|