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Die Uhr über der
grünen OP-Tür zeigt 8:44 Uhr. Aus der Ecke dröhnt es immer noch >>Maika!<< -
>>Du müßtest die Zigeuner Geige spielen hören. Es ist Sehnsucht pur. Die Musik kriecht dir durch die Haut
und knetet die Seele. Wenn ich nur daran denke, kriege ich schon Gänsehaut.<< Sie reibt sich die Arme.
Die Sonne zaubert lustige Sterne auf die unzähligen Kromteile, der Raum strahlt
in sterilem Weiß. Kleine
Gruppen von Spatzen jagen sich vor dem Fenster. Auf ein nicht erkennbares Startkommando hin fliegt ein Dutzend ganz aufgeregt von rechts nach links, nach einer Weile kehren drei in Siegerpose schwingend an ihren
Ausgang zurück. Mit großer Lust wiederholen sie ihr
Wettrennen, bis sie, gelangweilt von diesem Spielplatz,
sich einen anderen suchen. Ihr fällt ein Rundfunkbericht ein. Kinder im Ruhrgebiet wurden gefragt, ob sie nicht
die Vögel, vor allem den Specht, vermissen würden, den es ja in den Städten kaum noch gäbe.
>>Nein<<, sagten die Kleinen, >>und außerdem machen die Autos schon Krach genug.<<
>>Wo ist die Patientin?<< Die Hebamme führt den Mann in Weiß durch die Landschaft aus weißen Betten,
weißen Vorhängen und weißen Wänden. Er fiele kaum auf, wären der Kopf und die Hände
nicht so braungebrannt. Lässig begrüßt er die Schwangere. Gestern hatte er auf ihre Weigerung, in diesem Krankenhaus zu bleiben, gedroht,
daß sie jede Minute verbluten könnte. >>Ich mache Sie auf etwaige Konsequenzen aufmerksam,
Sie allein tragen die Verantwortung.<< Sie mochte diesen Mann nicht. Er war grob.
Aber es gab keine Wahl. >>Er ist ein Spezialist auf seinem
Gebiet<<, hatte ihr der Hausarzt gesagt und sie angemeldet.
>>Alles bereit? Wo ist das EKG?<< Die Holländerin reicht die
Unterlagen. >>Gut,gut, können wir Schwester?<< -
>> Nein, der Narkosearzt is noch nit im Haus.<< Der Mann in
Weiß wird
wütend. >>Ich habe um elf Uhr einen Court reserviert.<< >>Ich hätte auf Skifahren
getippt<<, denkt die Schwangere. Der Arzt: >>Sagen Sie mir sofort
Bescheid, wenn er kommt.<< Die Hebamme begleitet ihn in
angemessenem Abstand zur Tür. Das Stöhnen der Frau in der Ecke hatte er kommentarlos übergangen. Sie war nicht seine Patientin.
>>Maika!<< dröhnt es wieder, sie dreht sich um, legt die Decke um die Hüften neu, streift die Haare aus
dem verschwitzten Gesicht. Ein schönes, noch sehr junges Gesicht. In der Hand
hält sie einen Rosenkranz. Sie schiebt die einzelnen Perlen hastig zurück und murmelt etwas.
>>Ich hab' für uns mehrere Götter ausgewählt.<< Sie streichelt den Bauch. >>Ich glaube nicht,
daß nur einer allein
die Menschen zur Vernunft bringen kann. Ich bin überzeugt, daß die vielen sich irgendwann zusammensetzen
und die Friedenspfeife rauchen werden. Dann wird jeder von ihnen den alleinigen Anspruch auf die einzige Wahrheit
aufgeben, und man wird aus jeder Religion das Schönste für uns aussuchen. Sicher werden sie bei der Suche sehr
viel Tabak brauchen und viele Pfeifen heiß rauchen. Aber du wirst sehen, sie werden sich einigen, und das Ergebnis
wird ein wunderbarer, würdiger Götterbund sein, eine neue Religion mit mehr Rechten und weniger Pflichten als
die vorherigen. Dann werden wir mit dem christlichen Tatendrang aufwachen, in liebevoller,
moslemisch gelassener
Art die klugen jüdischen Weisheiten leben und abends mit der Hoffnung auf
Wiedergeburt in Buddhas Schoß einschlafen. Was meinst du, mein Engel, was das für schöne Träume gibt.<< |