gedichte

Wie gut…

Ursachen und Erkenntnisse in sieben Kapiteln

1.
Die höchste Kraft der Seele ist die Erinnerung,
die, mit jedem Atemzug
Tage, Menschen und Wege verschluckt,
sie verdrängt, verpackt und einbetoniert.
nichts davon aber je endgültig verschwinden lässt.

 

2.
Jeder unserer Triebe wird gezähmt vom Gewissen,
dressiert vom Verstand,
verteidigt von der Neugier,
und gesteuert vom Verlangen.
Allein unsere Psyche kämpft mit ihnen ein Leben lang.

 

3.
Nur Antworten und Anerkennung lassen das Bewusstsein wachsen.
Den Willen, nur Talent und Freude am Gelingen.
sowie Fleiß und Ausdauer.
Aber nichts davon ergäbe einen Sinn
ohne Leidenschaft und Hingabe.
 
4.
Trauer macht einsam, dunkel und eng,
Dankbarkeit aber still und gläubig.

 

 

 

 

 

5.
Doch über allem steht das Vertrauen.
Es produziert das hellste Licht.
Denn mit ihr verbunden ist die Liebe:
sie pumpt dich voll mit Freiheit – ganzheitlich.

 

6.
Der kälteste Ort allerdings – so mein Fazit,
ist die Aussichtslosigkeit:
Dort ist ewige Finsternis!
Sie stumpft die Sinne ab
und verroht jede Einsicht.
 
Dabei reicht nur ein Staubkorn großes Stückchen Zuversicht,
und du fühlst dich
wie der reichste Mensch mit Gold und Juwelen:
weil urplötzlich,
von dieser Nanosekunde einer vagen Möglichkeit an,
sämtliche Zweifel und Ängste verflogen sind.

 

7.
Wie gut, dass Nichts so bleibt wie es ist.
Und die Zeit in jeder Not,
den passenden Rettungsring bringt.  
So hat die Seele ständig was zu tun,
denn der Mensch braucht eine Erinnerung.

 

 

Renan Demirkan im August 2016

 

aus dem buch 'über Liebe, Götter und Rasenmähn - wie buchstabiert man Liebe?'

mein problem

Man fragt mich immerzu nach
meiner Heimat,
aber 'Heimat'
ist nicht mein Problem.
Meine Heimat sind die Tage,
an denen ich atme,
sehe und Worte finde,
fassen und laufen kann.
Ich habe ein Asyl bei Gott,
auf Lebenszeit!
So lautet der Vertrag.

 

Sie sehen,
'Heimat' ist nicht mein Problem
Mein Problem ist:
Ich habe kein ZUHAUS,
nicht die Sicherheit,
eine Lücke auszufüllen,
d a z u g e h ö r e n,
so selbstverständlich
wie die Wurzel an den Baum
oder das linke zum rechten Bein,
daran fehlt es mir,
an Verbündeten und Vertrauen,
eben an einem ZUHAUS.

 

Das ist kein Wohnsitz,
mit Klingel und Namensschild,
kein Mauerwerk gegen die Kälte,
keine bezahlte Unter - kunft -
ich werde immer unterkommen,
außer mein Verstand kündigt mir -
nein, mein Problem ist nicht der Briefkasten an der Tür,
mein Problem sind die Briefe in mir.

 

Wem schreibe ich,
wie gut mein Kind gelungen ist?
Wem, dass ich mich um sie sorge?
Wer denkt an ihren Geburtstag,
wenn ich nicht mehr bin?
Wer weiß noch von meinen Tränen,
als ich zur Schule ging?

 

Es mangelt mir an V e r w a n d t e n,
an Menschen, die mir ähnlich sind,
an Menschen zu denen ich gehöre,
wie Finger an der Hand,
die mich vermissen,
wenn sie gemeinsam sind,
die mich brauchen,
wenn sie sich erinnern,
wenn sie feiern, wenn sie trauern.

 

Es gibt niemanden,
der mir an - gehört,
der sich mit mir teilt,
den Onkel, die Nichte,
einen Freund
oder die gemeinsame Geschichte.
Darin liegt mein Problem.
Wer stellt sich dazu,
wenn man mich abseilt
in die andere Welt,
wer lockert regelmäßig die Erde,
damit ich nicht zu schnell verwese,
wer pflanzt einen Maulbeerbaum,
redet mit meinen Resten,
wer bringt mir Musik,
die ich so liebe?
Wer vergisst die Fehler,
die falschen Nächte
und blättert stolz
in meiner Schwäche?

 

Wer?
Und WO?
WO - werde ich liegen
Und neben WEM?
Wissen sie,
DAS -
Das ist mein wirkliches Problem -
neben WEM?

 

 

 

R.D. im April 2000

für jetzt

manchmal Liebster,
wenn ich an dich denke,
und das Echo in deinem Namen,
schlägt die Sehnsucht Großalarm
und das Verlangen klingt wie ein Choral -
dann wirbelt gelbe Hitze in den Blick
und der Mut vergangener Jahre,
scheucht die Eulen aus meiner Brust,
und ich rutsche
haltlos aus dem Licht
U-Boot tief
in die Iris der Zeit:

 

immer noch bürste ich den Sand
aus meinem Haar,
suche einen Schlafplatz für die Nacht,
und die Erinnerung
durchkämmt die Straßen von Agadir,
trinkt Tee im Bazar von Marakesch,
pflückt wilde Brombeeren
zwischen roten Felsen,
zündet Kerzen an
vor jedem Altar-

 

ich wollte dich nie für immer,
Liebster,
ich wollte dich immer nur für jetzt-
nichts dauert für ewig, dachte ich,
kein Tanz und kein Gefecht,
keine Flucht und kein Glaube,
keine Nacht und keine Scham -
aber dein Echo ist eingewachsen
wie ein Mal,
wie ein lichtloses Auge,
ein schlafloses Wort,
wie nie geboren,
weil ein bißchen tot,
wie ein Vermißter ohne Grab,
ein Zwilling,
der keinen Atem braucht,
angenäht wie ein neues Organ,
das nun für immer bleibt,
für ewig und für jetzt-

 

 

 

 

 

 

 

 

 

vielleicht hat das Auge der Zeit,
irgendwann einen Tag für uns,
da kein Wort mehr wehtut
und die Horizonte geöffnet sind,
wo neue Brombeerbüsche blühn,
und du und ich
auf weitgrünen Hügeln stehn-

 

diesen Tag,
Liebster,
sehne ich herbei,
selbst wenn ich an jenem Tag
nicht mehr bin.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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