Meine Impulsrede vor der OSZE – in Berlin am 20.10.2016

OSZE-Vorsitzkonferenz zu Toleranz und Vielfalt, Rede von Renan Demirkan
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Conference on Tolerance and Diversity, Speech by Ms. Renan Demirkan
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Tolerance and Diversity

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Sehr geehrter Herr Bundesminister, Exzellenzen, meine Damen und Herren,

 

ich bin überwältigt und ganz besonders tief berührt, dass ich heute hier sein darf.

Aber da ich nur 10 Minuten zur Verfügung habe – möchte ich direkt und ohne weitere Einführung beginnen, Ihnen – ‚Nahrung für die Gedanken’ anzubieten. Dafür wurde ich eingeladen, das steht auf ihrer Tagesordnung: Food for Thought, obwohl ich Sie gleichzeitig für die komprimierte Darstellung um Nachsicht bitten möchte.

 

Respekt

 

Seit ich mich erinnern kann, sind meine Themen das Verbindende, das Verstehen und der Respekt. Das war und ist bis heute meine heilige Dreifaltigkeit, aus der heraus ich die Welt zu begreifen versuche.

 

Eine Eigenschaft, die ich, mit kleinen Abweichungen, sicher mit Millionen von Migranten teile. Als Kind tscherkessischer Eltern mit türkischem Pass, aufgewachsen zwischen einer betenden Mutter und einem philosophierenden Vater, waren Immanuel Kant und der Koran, meine Stichwortgeber. In beiden Welten stand die ‚Goldene Regel’ beziehungsweise ‚Der kategorische Imperativ’ als höchstes Ziel für menschliches Handeln:

Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg’ auch keinem anderen zu.

 

Ein Gedanke, der so alt ist wie die Menschheit: Denke dein Gegenüber mit dir mit, habe Mitgefühl und trage Verantwortung für dein Handeln. Das ist die Bedeutung von Respekt.

(Respicere: denken an, zurückschauen, Rücksicht nehmen, sorgen für)

 

Ich meine Respekt. Nicht Toleranz.

Und dass das mehr ist, als nur ein semantischer Unterschied, beschreibe ich ausführlicher in meinem Buch: Respekt-Heimweh nach Menschlichkeit.

 

Warum nicht Toleranz? Hier eine kurze Begriffserklärung:

Der Duden übersetzt Toleranz mit ‚Duldsamkeit’ und im philosophischen Wörterbuch steht: ‚Toleranz ist ein Zeichen für Selbstvertrauen und für das Bewusstsein der Gesichertheit der eigenen Position.’

 

Ein Almosen also, der Gesicherten gegenüber den Verunsicherten, oder der Mehrheit gegenüber einer Minderheit oder der Reichen gegenüber den Armen, oder auch ein Almosen der Ansässigen gegenüber den Flüchtlingen.

Ein Transitdenken, das Verstehen simuliert, aber auf Distanz besteht.

 

Diese beschämende Heuchelei sei – wie der deutsch-amerikanische Philosoph Herbert Marcuse 1965 in einem Aufsatz schrieb, ‚reiner Selbstzweck und Zwangsverhalten der politischen Klasse, die die Unterdrückung nur soweit verringert, um Mensch und Tier vor Grausamkeit und Aggression zu schützen.’

 

Vielleicht empört sich deshalb kaum jemand, wenn sich die vereinigte internationale Rechte gerade wie selbstverständlich mit einem ‚toleranten’ Weltbild schmückt und gleichzeitig rassistische Hetze und Übergriffe als ‚kulturelle Notwendigkeiten’ in die Welt brüllt.

Ich will und werde deren Argumente nicht wiederholen.

Selbst die bekennend ‚tolerante’ Linke sieht offensichtlich keine Diskrepanz zwischen Menschenrecht und der ‚Obergrenze für Flüchtlinge’.

 

Wir sehen also, wer immer sich auch der Toleranz’ bedient, meint damit kein verbindendes Konzept. Im Gegenteil, er verfestigt die Ungleichheit und produziert immerfort neues Herrschaftsdenken.

 

Die Geschichte ist voll mit Kriegen, die durch dieses Denken explodiert sind. Und auch in der Gegenwart bomben sich die vermeintlich ‚Gesicherten’ ihren gewünschten Status auf Kosten von Millionen Toten und Flüchtlingen zurecht. Genannt sei hier nur Syrien, stellvertretend für die zwei Dutzend Kriege weltweit (Stand 2015/Frieden-fragen.de), die ständig neues Elend erzeugen.

 

Wir müssen umdenken. So deutlich und so konsequent wie wir nur können.

 

Denn wir sind längst nicht mehr ‚die Kinder einer technischen Revolution, die wir nicht verstehen’, wie die französische Essayistin Viviane Forrester den digitalen Umbruch noch vor 20 Jahren beschrieben hat.

 

Heute sind wir Insassen und bisweilen sogar Gefangene einer Zeitenwende, dessen vernetztes Bedrohungspotenzial völlig unüberschaubar geworden ist und überdies, kaum noch beherrschbar zu sein scheint, denn sie betrifft mittlerweile jeden Lebensbereich. Vom Darknet der Rassisten und Pädophilen, über Regierungsspionage bis hin zum Gau von Fukushima.

 

Noch nie zuvor war ein einzelner Mensch so transparent, so eng vernetzt und so anonym zugleich.

Was allerdings die Bedrohung noch um ein vielfaches explosiver macht, ist der Umstand, dass die Verteilung der Vermögen noch nie so ungleich war wie heute.

1% der Weltbevölkerung, etwa 70 Millionen, besitzt mehr als der Rest von 99 % zusammen, rund 7 Milliarden! (Spiegel,18.1.16)

 

Deshalb muss die nächste Entwicklungsstufe der Menschengeschichte ein neues Miteinander sein, das weit mehr ist als das bisherige, geduldete Nebeneinander.

 

‚Niemand eine Insel ist’, schrieb schon der engl. Poet und katholischer geistlicher John Donne im 16.Jh

Niemand ist eine Insel, in sich ganz; jeder Mensch ist ein Stück des Kontinents, ein Teil des Festlandes. Wenn eine Scholle ins Meer gespült wird, wird Europa weniger, genauso als wenn’s eine Landzunge wäre, oder ein Landgut deines Freundes oder dein eigenes.

Jedes Menschen Tod ist mein Verlust, denn ich bin Teil der Menschheit;

und darum verlange nie zu wissen, wem die Stunde schlägt; sie schlägt dir selbst.“

 

‚Achte mich, damit ich mich selbst achten kann!’, wünschen sich alle, die Respekt einfordern.

 

Und der Moslem will es vom Christen.

Genauso wie der alte Mensch vom jungen.

Oder der schwarze vom weißen.

Behinderte wollen es von Nichtbehinderten.

Der Ohnmächtige von Mächtigen.

Und auch der Arme will es vom Reichen.

 

Respekt ist ein anthropologisches Prinzip.

Und die Inschrift der Humanität.

 

Lassen Sie uns reden darüber, wie wir leben wollen? Wie arbeiten?

Wie wir besser wohnen, heilen, essen und lernen können? 

Wie die Börsen und Banken besser kontrollieren?

Unsere Umwelt schützen?

Wie die Einkommen und die Ressourcen gerechter verteilen? 

 

Lassen Sie uns reden über all das, was Menschen miteinander verbinden kann, anstatt auf dem Trennenden zu bestehen und die Ungleichheit zu vergrößern.

 

Unser Ziel für das neue Jahrhundert muss ein gemeinnütziger Kapitalismus sein, der die Produktivität nicht an Wachstum bemisst, wie im alten Denken des Industriezeitalters.

 

Sondern sich über Nachhaltigkeit und Lebensqualität definiert.

 

Wir brauchen eine mitmenschliche Marktwirtschaft, die mit einem globalen Grundeinkommen sämtliche Armutsfallen verschließen könnte.

 

Wir müssen raus aus der Komfortzone des Duldens und am Verstehen arbeiten:

Lernen in den Schuhen eines Anderen zu gehen, lernen mit seinen Augen zu sehen.

 

Ich bin fest davon überzeugt – dass, wenn wir uns verstehen – wirklich verstehen! – und das ist mehr als nur reden und zuhören:

Das ist ein Mitfühlen und ein gemeinsames Wissen voneinander, ein Zuhause und eine Ergänzung des eigenen Kosmos!

Dass also, wenn wir verstehen, wer jede und jeder Einzelne ist;

und warum sie so geworden sind, wie sie sind;

und warum sie diese und jene Interessen und Bedürfnisse haben;

und was uns über alle Grenzen hinweg verbindet –

also, wenn all die hier versammelten Vertreter der 57 Nationen die große Weltpolitik auf den einzelnen Bürger ihres Landes runter brechen würden – oder gleich auf sich selbst,

dann könnten wir morgen alle Waffen verschrotten und alle Grenzen und Mauern niederreißen.

 

Wenn wir verstehen würden, wie es Hannah Arendt tat: ‚…Ich will verstehen. Und wenn andere Menschen verstehen; im selben Sinn, wie ich verstanden habe; dann gibt mir das eine Befriedigung wie ein Heimatgefühl.’

 

Vielleicht erscheint ihnen mein Angebot zu utopisch und Sie denken gerade: wie kann diese Frau in Zeiten wie diesen, derart verträumt sein?

Ich möchte Ihnen mit Shakespeare antworten:

Wir – jeder einzelne Mensch selbst – ist der Stoff – aus dem die Träume entstehen. Auch wenn wir nicht immer die Wahl haben, ob es ein guter Traum wird oder ein Alptraum, entscheidet doch jeder allein, wie sein Stoff gewebt wird.

 

**

 

Wissen sie, was der erste Reflex eines Neugeborenen ist – nachdem er geatmet hat?

Er macht eine Faust! Und dieser Reflex ist unter jedem Himmel gleich: der neugeborene Mensch streckt die Arme aus – rudert und ballt eine kleine Faust!

 

Das ist ein Reflex aus unserer Urzeit – als wir noch Affen waren. Es ist der Griff ins Fell der Mutter – um Halt zu finden und dazuzugehören.

 

Das heißt, der Mensch ist ein soziales Wesen per DNA und trotzdem verhalten wir uns immer wieder wie selbstgefällige Egomanen und nicht selten sogar wie hirnlose Kannibalen.

 

Lassen uns wie hypnotisiert, ohne jeglichen Widerstand, mehr und mehr auseinander treiben von einer luziden Technik, deren Geschwindigkeit uns atemlos werden lässt und ohmmächtig, die Wort- und Bilderfluten überhaupt noch zu verstehen, geschweige denn, im selben Tempo zu reagieren.

 

Laut einer gerade erschienen Studie, verbringen über 60% aller Internetnutzer, ihre Zeit im Netz, mit ihrem Smartphone in der Hand.

 

Das bedeutet, Millionen von Menschen schauen stundenlang weder nach rechts noch nach links, sondern nur stumm und stur vor sich hin, auf einen winzig kleinen Bildschirm, in der Regel auch noch mit Kopfhörern in den Ohren, lauter isolierte Ichlinge auf der Suche nach einem Halt am Fell einer App.

 

Da ist es nicht mal abwegig, ja sogar verstehbar, dass die enge Welt vor den Augen, eine enge Welt im Kopf produziert.

Und dennoch ist politische Engstirnigkeit nicht akzeptabel.

 

Natürlich bedeutet Verstehen nicht die Abwesenheit von Konflikten. Im Gegenteil, wer versteht, leugnet nicht das Empörende, wie Arendt sagt. Ein Verbrecher weiß, dass er ein Verbrecher ist. Selbst ein IS-Terrorist weiß, dass er ein Mörder ist!

 

Das Verstehen des Verbrechens, das heißt, das Wissen um dessen Ursachen, schiebt das Verbrechen nicht als etwas Gottgewolltes weg, sondern übernimmt die Verantwortung für die menschliche Existenz.

 

Das ist Arbeit und geht ganz sicher nicht von heut auf morgen. Aber wenn wir es wollen, ist es machbar, das Trennende zu überwinden und uns auf das Verbindende Prinzip zu verständigen.

 

Wir brauchen die Einsicht, den Willen und die Geduld, dass wir unseren Kindern eine bessere Welt hinterlassen wollen, als wir sie von unseren Ahnen geerbt haben.

 

Und niemand weiß um diesen Arbeitsaufwand so gut bescheid wie Sie, meine Damen und Herren, die Sie für die OSZE arbeiten, einer Organisation, die für ein verbindendes Konzept des internationalen Friedens und der Stabilität steht.

 

Und Sie wissen auch, dass das alles nicht möglich ist in totalitären Systemen.

Das ist nicht möglich mit nationalstaatlichen Scheuklappen und mit nationalistischer Hetze gegen andere Kulturen.

 

Demokratie ist nur zu erhalten, wenn wir die humanistische Textur unserer Zivilisation schützen.

 

Denn Demokratie ist Diskurs, ist Freiheit, ist Prozess, ist Zweifel, ist Mitbestimmung und Solidarität.
Fertig und verschlossen sind nur Diktaturen.

 

Abgrenzung und Rassismus sind keine Alternativen - weder für Deutschland noch für irgendein anderes Land.


Es gibt keine friedliche Alternative zu offenen Grenzen und der Freiheit der Kulturen. Die – die das Gegenteil behaupten – sind keine Alternative. Das sind die alten Kriegstreiber in neuen Farben.

 

Wie anfangs schon erwähnt, ich kann nicht anders denken, denn ich lernte von klein an, die Verschiedenheiten miteinander zu verbinden:

Ich lernte die Liebe von Moslems, das Handeln von Christen und das dialektische Denken von Juden.

Und mit den wichtigsten Sätzen, die mich geprägt haben möchte ich nun schließen:

 

Meine Großmutter sagte:

Wenn dir Jemand die Hand entgegenstreckt, dann bleib stehen.

 

Von Priestern und Rabbinern hörte ich:

Komme mir soweit entgegen, wie du kannst, den Rest des Weges gehe ich.

 

Und der dritte elementare Gedanke kam von Nietzsche:

Was ist dir das Menschlichste? Jemandem Scham ersparen.

 

Bitte, liebe Anwesende, lassen Sie uns reden, bis wir uns verstehen.

 

Die Vergangenheit kann man (zwar) nicht ändern’, sagte schon vor knapp 100 Jahren Hans Fallada in ‚Kleiner Mann was nun?’, ‚sich selbst aber schon, für die Zukunft.’

 

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

 

Renan Demirkan im Oktober 2016

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