gelebtes

Hallo und willkommen auf meiner Homepage - liebe Gästinnen und Gäste!

Dieses Jahr 2020 ist für mich ein sehr besonderes Jahr:

Im Juni werde ich 65 und im August vor 40 Jahren habe ich als Schauspielerin mit der 'Ljudmilla' in Gorkis 'Wassa Celesnova' begonnen - im Staatstheater Nürnberg.

 

Es gäbe sicher eine ganze Menge zu erzählen, aber vieles steht schon in meinen Büchern oder in Interviews.

Allerdings gibt es da etwas, das mir erst vor Kurzem aufgefallen ist und mich selbst überrascht hat – die Überschrift könnte lauten: Ich träume – also bin ich!

Vor ein paar Monaten saß ich inmitten einer ganz wunderbaren Geburtstagsparty in einem Strandcafe mit vielleicht 30 Menschen zusammen – mit denen ich eigentlich nur eins gemeinsam hatte: dass wir alle direkt oder indirekt mit der Traumwelt von gefundenen und erfundenen Geschichten arbeiten und ich dachte:

Welch ein Glück habe ich, dass ich das Leben leben durfte, wovon ich schon sehr früh zu träumen begonnen habe!

Dabei war das anfangs wahrscheinlich nur eine hilflose Reaktion auf einen Ratschlag meiner Großmutter, bei der ich aufgewachsen bin. Sie war eine Analphabetin mit großer Menschenkenntnis und jedes Mal, wenn sie bemerkte, dass ich meine Mutter vermisste, sagte sie, dass ich beten solle, wenn ich Hilfe bräuchte, dann würde ich mich besser fühlen.

 

Und weil ich offensichtlich sehr viel Hilfe gebraucht habe – jedoch erst zwei Gebete auswendig konnte, habe ich schon extrem früh begonnen, mich in bestimmten Momenten einfach wegzuträumen.

 

Zuerst waren es eher kleine Wünsche: dass jemand meine Fragen beantwortet oder sich um mich kümmert - dann - als wir nach Deutschland kamen, dass unser Leben einfach nur etwas schöner ist und wieder etwas später - mit beginnender Pubertät - dass ich frei bin und mit anderen Gleichaltrigen zusammen sein kann. 

Mit zwei Gebeten wäre ich da wirklich nicht weit gekommen.

Also bin ich auf die andere Seite der Wirklichkeit und stierte ab einem bestimmten Moment an vor mich hin:

Wo ich ging, saß oder stand, switchte ich dann in eine andere Wirklichkeit, die mir besser gefiel oder in der ich mich wohler fühlte, als in der, die gerade passierte!

Ich habe diesen Zustand geliebt!

 

Ob auf der Fensterbank - in der Schule - in der Straßenbahn oder mit einem Freund - wenn mir die Situation nicht wirklich gefiel - habe ich mich übergangslos weggedacht zu anderen Eltern - zu anderen Mitschülern - zu anderen Orten - zu anderen Gefühlen.

 

Nicht aus Frust oder Unglück, sondern weil ich die Situationen dabei irgendwie optimieren wollte, schöner machen, liebevoller oder einfach nur anders, damit es spielerischer wird, leichter und erträglicher.

Das waren und sind auch heute noch meine liebsten Lebensmomente!

Allerdings ist es mir erst jetzt aufgefallen, dass ich - tatsächlich!! - irgendwann peu à peu, in meinen - zuerst nur gewünschten Welten - auch wirklich gelebt habe:

in unzähligen Rollen - auf den unterschiedlichsten Bühnen - in Orten jedweder Größe! 

Es war und ist bis heute ein dauerndes Vorstellen und Ausprobieren des menschlichen Universums durch Literatur in den geschützten Räumlichkeiten der Probebühnen!

Erst heute begreife ich - welch ein Glück ich hatte - so existieren zu dürfen!!

 

Deshalb glaube ich nicht, dass die Welt eine Bühne ist, auf der Männer und Frauen auftreten, um ihre Rollen zu spielen, wie es Shakespeare geschrieben hat.

Denn wir sind keine fertigen Rollen und schon gar nicht gibt es mit der Geburt ein Drehbuch, das wir abarbeiten. Vielmehr folgen wir den Tagen – den Menschen und den Wegen – die sich vor uns auftun und schreiben unser ‚Manuskript’ täglich neu und weiter, improvisieren oft mit Notlügen und Zweifel, aber immer mit dem Wunsch nach Anerkennung und dem Traum von der großen Liebe.

Auf der Probebühne des Lebens erproben wir täglich unser Wachsen und Werden in einem rauschhaften Wechsel von Wachsein und Schlafen.

Und währenddessen entsteht ein Leben, das erst rückwirkend gefiltert durch die Erinnerung, Form und Inhalt bekommt – und sogar vielleicht eine Dramaturgie erkennen lässt!

Dabei verdrängen wir gern, dass nur die wenigsten Augenblicke es wert und würdig waren, auf der Hauptbühne gezeigt zu werden – im Glanz der großen Scheinwerfer. 

So jedenfalls habe ich es erlebt.

Deswegen bin ich mir absolut sicher und glaube fest daran - wie meine Oma an ihre Gebete:

Was du träumen kannst - kannst du auch leben!

Was du ersehnst - ist deine stärkste Motivation!

 

Deshalb - liebe Gästinnen und Gäste - wünsche ich Ihnen:

Träumen sie so viel sie können!

Gedachte Welten zeigen die lichtvolle Seite unserer Geschichte!

Erst die andere Seite der Wirklichkeit – nicht die – wie sie ist – sondern die – wie sie sein sollte – ist die Quelle von Sinn – Halt – Zuversicht und Antrieb des Lebens.

 

Renan Demirkan im Januar 2020